Das kleine Detail

 

Oh, wie süß sind Lust und Liebe.

Bis sie bitter werden.

Wenn ich einmal all das sexistische Schuldzuweisungsdrama

zwischen Frauenrolle und Männerrolle ausblende,

kommt da ein kleines,

unscheinbares Detail zum Vorschein.

Eine winzige Gemeinsamkeit,

die alle großen Lieben,

alle kleinen Affären,

und sogar den spielerischen Fick um des Fickens Willen,

verband.

Alle Beteiligten stürzen sich wagemutig in eine Abfolge von Illusionen,

in der naiv heiteren Annahme,

sie wüssten,

was sie da tun,

und könnten den Sog lenken.

Könnten die Unvereinbarkeiten überbrücken.

Hätten eine Chance,

den lauernden Schmerz auszutricksen,

und könnten ihn in ein anderes,

fremdes Schlafzimmer schicken.

 

Die Liebe mache blind,

heißt es,

und Gleiches gilt für Lust.

Antrieb und Absicht sind dem Schmerz egal.

Du magst ehrlich sein,

oder lügen,

dass sich Stahlbalken biegen.

Das ist dem Schmerz egal.

 

Tiefer Zweck des ganzen Rein und Raus,

Ah und Oh,

all der leckeren Säfte,

ist eben nicht die Erfüllung von Träumen,

und nicht die Materialisation neuer Erdbewohner.

Spiegel sollen uns vorgehalten werden.

Damit wir einander in unserer Größe erkennen,

und aufhören,

mit der lächerlichen Kleinheit der Oberfläche zufrieden zu sein.

 

Das Spiel ist nicht beendet,

wenn eine Partei der anderen Lug und Betrug vorwirft,

oder im Tanz von Schuldzuweisungen Gründe für Trennung erfunden werden.

Es ist beendet im Augenblick der Zusammenkunft zweier Träumer,

die glauben,

sie könnten der Endlichkeit eins auswischen.

Wem es gelingt,

diese Illusion zu feiern,

wird der Augenblick des Erwachens besonders herb treffen.

 

Was allgemein als Liebe hin und her geschoben wird,

ist überwiegend,

energetisch aufwändiges Hinauszögern der Vergänglichkeit.

 

Hätte man mir das von Anfang an gesagt,

hätte ich wohl dennoch getan,

was mir die Lust einflüsterte.

Vielleicht mit etwas weniger romantischer Verblendung.

Mit dem Wissen,

dass die geilen französischen Filme Wichsfantasien waren,

die alle blutenden Wunden ausblendeten.

 

Vielleicht mit etwas mehr Gelassenheit,

wenn ich wieder einem Werbebild des Supermannes oder Traumprinzen

nicht entsprach,

oder die starke Heldin nur mit Sex bezahlte,

woran sie sich ängstlich lehnen oder klammern wollte.

 

Vielleicht haben wir es sogar gewusst.

Tief in uns.

Haben es gesehen und gefühlt,

und dennoch wagemutig der Vergänglichkeit die Zähne gezeigt.

Sind dennoch in den Sog gesprungen,

wissend,

dass er uns nicht in einer anderen Galaxie,

sondern nur im gleichen Bett ausspucken würde,

mit neuen, blutenden Wunden.

 

Vielleicht haben wir es sogar gewusst,

und der irrwitzige Wagemut,

es dennoch zu tun,

ist die einzige erwähnenswerte Tat,

die jeden verblassenden zarten Duft und tiefen Orgasmus,

und die dahin schwindenden Formen und Farben der Vulven,

überdauert.

Die eine große Tat,

die weder von Hass noch Schmerz zerrieben werden kann.

Die Erfahrung zu erfahren.

 

Das ist der Diamant.

 

(2018)