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Das Instrument

Kein Mann ist ein Sextoy. Keine Frau eine Gummipuppe. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Sex ohne Zuneigung irgendwas Anderes wäre, als gegenseitiges Benutzen. Es darf gefragt werden, ob es in manchen Situationen sinnvoller wäre, sich mit der Fantasie und einem Sexspielzeug zu vergnügen, als mit einem atmenden, lebenden, und fühlenden Menschen. Wenigstens in der Lust darf das gegenseitige Wundenreißen aufhören.

 

In der modernen Gesellschaft gibt es viele amüsante Ideen zum Thema Sex und Liebe. All diese Ideen werden leichtfertig über den Haufen geworfen, wenn Schwanz oder Pussy sich melden. Unter dem Etikett „ein bisschen Spaß haben“, stürzen sich Bungee-Springer stöhnend und schreiend in den Abgrund der Lust, in blindem Vertrauen, dass das Seil die richtige Länge hat. Das „bisschen Spaß“ ist eine allgegenwärtige Ausrede dafür geworden, sich weder mit den Anderen, noch sich selbst, wirklich zu beschäftigen. So lang ein Orgasmus raus springt, wer würde da Schlimmes denken? Was aber, wenn nach dem Sex ein flaues Gefühl entsteht? Was, wenn Herr oder Frau Liebhaber am nächsten Morgen weg ist, obwohl du gerade das Nirvana gekostet hast?

 

Wenn da ein Reiz ist, darf dem auf den Grund gegangen werden. Wer will nicht wissen, wie tief der Abgrund der Lust ist? Heißt das aber, dass man sich in die Tiefe stürzen soll, ohne vorher die Länge des Bungee-Seils überprüft zu haben?

 

Wer kennt nicht die Klagen von Frauen, dass sie sich „benutzt fühlten“? Dass sie gar nicht als Mensch wahrgenommen wurden. Ein Phänomen, das mittlerweile die Männer erreicht. Immer wieder höre ich von Männern, die keine Lust mehr haben, wenn die Frau sie auf ihren Schwanz reduziert. Große Neuigkeit für viele Frauen: Nein, Männer bestehen nicht nur aus Schwanz. Egal wie toll die Techniken sein mögen, die sich Frauen angeeignet haben, um Mann „zu gefallen“ – es hat wenig wert, wenn es geschieht, um einen Gefallen zu tun, oder eine imaginäre Schuld abzuarbeiten. „Er hat mir so einen schönen Orgasmus gemacht. Jetzt revanchiere ich mich. (Obwohl ich eigentlich keine Lust auf irgendwas habe).“ 

 

Woher soll man wissen, auf was es hinausläuft, solange es nicht probiert wird?

 

Vielleicht vorher ein, zwei Worte wechseln..? Nein. Wer kommt den auf so etwas? Dann geht ja die ganze Spontaneität verloren. So sagen zumindest die Anhänger der Spaß-Fraktion. Damit ist dann nebenbei der Erfolg der Swinger-Bewegung erklärt. Es ist Bungee-Springen mit Sicherheitsnetz. Weil scheinbar klar ist, warum man sich zusammen getroffen hat, scheint das gegenseitige Kennen lernen erledigt. Auch hier benutzen sich Körper gegenseitig, und Aspekte jenseits von Körperlichkeit werden meist ausgeblendet und verdrängt – nur die großen Wunden bleiben aus. Es ein stilles Einverständnis. Die gegenseitige Erlaubnis einander zu benutzen. Jetzt übertrage das auf deinen Freund, deine Freundin. Oder solche, die es werden sollen. Das Spiel beginnt mit dem einleitenden Satz:

 

„Darf ich dich bitte für meine Lust benutzen?“ Das ändert Augenblicklich das ganze Spiel. Es ist ehrlich. Es nimmt Druck aus dem Spiel. Wer würde darauf nicht antworten: „Gerne, aber lass mich ganz“. Allein die Freiheit „Nein“ sagen zu dürfen, schafft Entspannung. Es wird so selten ausgesprochen, weil die betreffende Person damit die Hosen herunter lässt, und etwas über sich verrät. Schluss mit rosa Liebesgeplänkel. Reduktion auf das Wesentliche: Geilheit. Lust.

 

Mit dem einfachen Satz „Darf ich dich bitte für meine Lust benutzen?“, ist das gegenseitige Bestehlen beendet. Männer stürzen nicht mehr in die Falle, sich ihre Zunge auszuleiern. In Erwartung auf wahre Begeisterung ihrer Gespielin, die sich in ebensolchen Zungenspiel an ihm entladen soll. Frauen brauchen nicht mehr Gefahr laufen, eine Kiefersperre zu bekommen, weil sie sich bedanken wollen müssen sollen. Und im absoluten Idealfall treffen sich die Richtigen: „Das trifft sich gut, ich möchte dich auch gerade benutzen“.

 

 

(Dies ist eins von vielen Essys die ich 2012 für das Online-Portal "Erotik Insider" geschrieben hatte.)