Der Bettler (I)

(Aus den Jugendjahren eines Träumers, 1991, oder so...)

 

Warst du mal so verknallt, dass es weh tat? Hast du dich mal so in jemand verguckt, dass du komplett aufgehört hast, irgendwas geregelt zu bekommen? Hattest du jemals eine so heißte Liebesgeschichte, dass ein Sommer einfach so vorüberzog, und du das Gefühl hattest, dich von Luft und Liebe zu ernähren? Dass die Tage nur mit Sex und Schlafpausen vorbei wehten?

 

Wenn ja, dann weißt du, dass es klug ist, diese magische Zeit zu nutzen, weil sie plötzlich vorbei sein kann. Und ist sie vorbei, reißt es dir das Herz raus. Bis heute wird dir im Schulunterricht nicht beigebracht, wie du mit Loch in der Brust weiterleben kannst. Aber so sehr es schmerzt – das Leben geht weiter, nach der Liebe. 

 

Ich versuchte erwachsen zu sein, als ich mich auf der Gneisenaustraße von Lina verabschiedete. Ihre Bisse schmerzten gigantisch, aber sie schmerzten tröstlich, und halfen mir das Loch in der Brust zu ignorieren. Drei Tage hatte unsere Trennung gedauert. Drei Tage mit dem intensivsten Sex meines Lebens. Am ersten Tag hatten wir uns ganz langsam geliebt. Am zweiten Tag hatte sie unter mir, ich in ihr, geweint. Ewig. Ich hatte nie eine Frau so lang weinen sehen. Und war nie zuvor mit einer Frau tiefer verschmolzen als in diesen Stunden, während sie schluchzte und weinte. Am dritten Tag hatten wir uns weh getan. Wir hatten uns geschlagen, gebissen, und wie wilde, wütende Tiere benommen. Ihre Bisse hatten tiefe Spuren hinterlassen, aber dieser Schmerz war süß – verglichen mit der Aussicht, dass unsere Liebesgeschichte vorbei sein sollte.

 

Es war mir unmöglich mich zu trennen, oder verlassen zu werden, ohne mich zu fragen, was ich falsch gemacht hatte. Oder was ich anders hätte machen können. Ich war traurig und verzweifelt, denn so genau ich auch schaute – ich konnte nichts finden. Wir hatten eine großartige, wundervolle Zeit gehabt. Ich erinnerte mich an Passanten, die uns in Berlin angesprochen hatten, was für ein ein wunderbares Paar wir waren. Oh ja. Wir leuchteten. Weil wir uns so gut verstanden, und tiefere Liebe weder körperlich, noch mental, jemals gelebt worden war. Romeo und Julia waren Babyscheiß gegen die Liebe, die Lina und mich verbunden hatte. 

 

All das sollte nun vorbei sein.

 

„Was machst du nun?“, fragte Lina, mit einer Spur rührender Besorgnis in ihrer Stimme. Sie wusste wie emotional ich war, und dass es nicht abwegig schien, dass ich nach dieser köstlichen Liebesgeschichte mein Leben beenden könnte. Zumal ein weiterer Berliner Dreckswinter vor der Tür stand.

 

„Ich geh nach Hause und durchtrenne mit ner Nagelschere meine Halsschlagader“, sagte ich nicht. 

Mir war zwar danach, aber ich wollte diesen Moment nicht mit lächerlicher Theatralik zerstören. 

„Ich werde mir ein Rad besorgen und durch Griechenland fahren. Immer der Sonne entgegen.“

 

Lina lächelte. Die Antwort gefiel ihr. Und auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie ich das hinbekommen sollte, wusste ich, dass es das Einzige war, wie ich mit Loch in der Brust und ohne Herz überleben konnte. 

 

An der Ampel, Gneisenau, Ecke Mehringdamm, trennten sich unsere Wege. Sie ging geradeaus, ich bog nach rechts. 

 

Als ihre Abschiedsbissmale annähernd verschwunden waren, hatte ich alles beisammen, was ich für eine Reise durch Griechenland brauchte. Ein weiß-grünes Mountainbike, einen gigantisch guten Ajungiljak Schlafsack der bis Minus 30° Kältefest sein sollte, Isomatte, Satteltaschen, Zelt, Fahrradzubehör – und ein Zugticket nach Italien. Von dort wollte ich mit dem Rad durchstarten. 

 

Das Ausmaß meiner Verzweiflung und Verletztheit ließ sich leicht daran ablesen, dass ich gewillt war, alles zurück zu lassen, ohne zu wissen, was weiter geschehen würde. Meine Wohnung, meine Gemälde, Bücher, Möbel… Alles ohne Wert. Was ansatzweise Wert gehabt hatte, war in Geld verwandelt worden. Das überwiegend für das Bahnticket und den Fahrradtransport drauf gegangen war. 

 

Eine Woche nach der Trennung von Lina, saß ich in einem Zug nach Brindisi, wo ich mit der Fähre nach Griechenland übersetzen wollte. Mit gerade mal 100 Mark in der Tasche. 

 

Wie wenig 100 Mark wirklich waren, wurde mir sofort klar, als ich in Brindisi ankam, und mein vorausgeschicktes Rad noch nicht angekommen war. Plötzlich befand ich mich an einem Ort, wo ich nicht sein wollte, und alles viel, viel teurer war, als in Berlin. Ohne einschätzen zu können, wie lange ich in Brindisi hängenbleiben würde. Ich beschloss kurzerhand nicht einen Pfennig in Brindisi auszugeben. Ich suchte mir einen Schlafplatz in einer Wartehalle am Fährhafen, fand einen Brunnen, an dem ich mir meine Wasserflasche auffüllen konnte, und suchte in der Umgebung Orangenbäume, von denen ich mir Frühstück, Mittag-, und Abendessen klauen konnte. 

 

Vier Tage musste ich warten, bis mein Fahrrad ankam, und dann gab es kein halten mehr. Ich setzte nach Korfu über, und … ja… was hatte ich eigentlich erwartet, was dann passieren würde? Dass Korfu auf mich gewartet hätte? Dass ich mit Pauken und Trompeten begrüßt würde? Hallo, Träumer, wir haben auf dich gewartet, sei unser Ehrengast? Nein, so war das nicht. Ich rollte an einem Morgen von der Fähre auf die Insel, umradelte sie in nur einem Tag – und alles war zu. Alles. Eine Toteninsel. Womit ich auch immer gedacht hatte, Geld zu verdienen – mir war sofort klar, dass auf Korfu im Oktober niemand Geld verdiente. Einfach weil die Insel bis auf ein paar alte Leute ausgestorben war. Saison vorbei, Bürgersteige hochgeklappt. Ich rollte gerade noch rechtzeitig zur letzten Fähre Richtung Festland ein. Ich hatte meine 100 Mark mit dem zweiten Fährtickets schon um die Hälfte reduziert. 

 

In der späten Nacht des gleichen Tages landete ich am Hafen von Igoumenitsa. Ei, und was war ich gut vorbereitet! Ich fuhr aus der Stadt raus, und anders als im ordentlichen Deutschland, war nicht jeder Meter Straße mit Straßenbeleuchtung ausgestattet. Was hatte ich mir dabei gedacht, eine Radtour ohne Fahrradlicht zu beginnen? Ach ja, richtig. Geiz. Am falschen Ende gespart. Ich stand plötzlich im Dunkel, während an mir riesige Trucks vorbei rauschten, und jede Sekunde, die ich weiter fuhr, lebensgefährlich schien. Ich hielt an einem überdachten, hölzernen Rasthäuschen, 100 Meter Luftlinie zum Meer, rollte meinen Schlafsack aus, und dachte keine Sekunde über irgendwas nach. Ich war schlicht zu erschöpft. Ich schloss die Augen, und war sofort im Traumland. 

 

Vom nächsten Tag an, gab es nur ein Ziel: südwärts. Ich wollte dem Winter entkommen, und die Chancen standen gut, dass mir das in Griechenland gelänge. Vor allem wollte ich Lina entkommen, und dem Schmerz darüber, dass ich nicht den Herbst und Winter mit ihr eingekuschelt im Bett verbringen würde. „Wir passen nicht zusammen“, hatte sie mir gesagt. Ich hatte vergessen zu fragen, wie sie das meinte. Sexuell, emotional, mental, und intellektuell hatten wir gut zusammen gepasst. Was also hatte sie gemeint? Wo war der Haken gewesen? Da hatte ich was zum Nachdenken, während ich an der Küstenstraße in den Süden radelte. Warum glaubte Lina, wir würden nicht zusammen passen? Ein Mangel an Orgasmen kann es nicht gewesen sein. 

 

Es war ein sonniger Tag, und ich kam gut voran, trotz meiner circa 50 Kilo Zusatzgewicht, die ich mit meinem Mountainbike transportierte. Das Mountainbike, eins der ersten Raleigh Mountainbikes die auf dem europäischen Markt zu finden waren, war das bis dato beste Rad, das ich je besessen hatte. Die 21 Gänge halfen mir jede Steigung zu meistern – und auf jede anstrengende Steigung folgte eine paradiesische Abwärtsfahrt, in der ich nur die Bremsen betätigen musste, und das Rad rollen lassen konnte. 

 

So bewegte ich mich einem unbekannten Ziel entgegen. Der Spruch „der Weg ist das Ziel“ war mir noch nicht untergekommen, und Selbstfindung war nicht in aller Munde. Kein Thema der Massenmedien. Ich staunte manchmal nicht schlecht, wie hässlich das griechische Festland war, doch nach einem langen Tag des Pedalentretens, gelangte ich an einen schönen, weiten Sandstrand, an dem ich beschloss mein Zelt aufzuschlagen. Ich war ein relativ unerfahrener Reisender. Es war meine erste Abenteuertour mit dem Rad, und ich machte mir keine Gedanken darüber, ob weitere Reisen folgen würden. Ich freute mich, dass ich das Zelt aufgebaut bekam, und schaute mit ahnender Befürchtung in den Himmel über dem Meer. Ich war noch weit vom Sonnenuntergang entfernt, und was da zu sehen war, versprach Regen. Egal. Ich hatte ja ein Zelt. Ich setzte mich davor und verputzte meine mitgebrachten Essensreserven aus Berlin. Vor mir rauschte das Meer, und als es gegen Abend windiger wurde, verkroch ich mich in meinen Windschutz aus dünnem, dunkelgrünen Plastikfasern.

  

Zu dem Zeitpunkt fühlte ich bereits, dass dieses Zelt nicht die beste Wahl, sondern nur die erstbeste gewesen war. Der Stoff flatterte und der Wind am Strand setzte alles daran, mich mitsamt dem Zelt wegzuwehen. Ich fragte mich, ob es eine gute Idee gewesen war, das Zelt am Strand, direkt im heftigsten Wind aufzuschlagen – doch als mich die Müdigkeit überfiel, kuschelte ich mich in den Schlafsack, und vertraute darauf, dass schon alles passen würde.

  

Wach wurde ich durch heftiges Donnern, und wütende Blitze, die durch die grüne Zeltplane leuchteten. Es donnerte gewaltig genug, dass ich den Strand unter mir vibrieren spürte. Bevor der Regen los prasselte. Ich wollte darauf vertrauen, dass das Zelt schon halten würde. Circa eine Minute. Als es dann an allen Ecken und Enden ins Zelt regnete, wurde mir klar, dass dieses Zelt nicht für griechische Stürme am Meer konzipiert worden war. Pan hieß mich in seinem Hoheitsgebiet willkommen, ich packte eilig alles zusammen, und überlegte, was ich tun könnte – während mein Schiff langsam voll Wasser lief und unterzugehen drohte. 

 

Ich packte mich in meine Lederjacke, ein Andenken an Judith, die erste Frau meines Lebens, die ich eben in Griechenland kennen gelernt hatte, und stellte mich in den Sturm vors Zelt. Für einen Augenblick hätte ich schwören wollen, dass der Boden unter mir schwankte, wie bei ein herum geschleuderten Schiff auf hoher See. Im Licht der Blitze konnte ich den Strand einigermaßen gut überblicken, und paar hundert Meter von mir entfernt, sah ich eine Ruine stehen. Ich hatte keine Zeit zu überlegen. Ich packte Rucksack und Satteltaschen, und rannte durch einen unendlichen Wasserfall darauf zu. Durchnässt und schwer keuchend erreichte ich die Hausruine. Weit und breit keine Ratte, keine Kakerlake, und auch sonst niemand, der mir das trockene Revier hätte streitig machen können. Ich atmete erleichtert auf. Ich rannte ein zweites Mal zum Zelt, rettete Schlafsack und Isomatte, und überließ das Zelt sich selbst.

  

Was für eine nasse Sauerei. Ich hatte es geschafft, schon in der dritten Nacht in Griechenland den Super GAU zu erleben. Nur meine in Plastiktüten gepackten Schreib- und Zeichensachen und mein Essen waren trocken geblieben. Mein Schlafsack war zwar von außen Nass, innen jedoch komplett trocken geblieben. Guter Schlafsack. Ich beschloss die Inventur auf den nächsten Tag zu verschieben, zog mich aus, trocknete mich mit einem Handtuch ab, legte mich in den Schlafsack, und ließ den bösen Sturm ohne meine Beachtung weiter wüten.

  

Mein erster Blick am neuen, sonnigen Morgen, gehörte den Überresten dessen, was mal mein Zelt gewesen war. Ich fand ein paar grüne Plastikfetzen, die an den in Sand gerammten Metallstiften hingen, und sandige Planenreste, die sich um die Zeltstangen gewickelt hatten. Es gab da nicht einen winzigen Zweifel. Dieses Zelt war tot. Selten hatte die Welt ein Zelt gesehen, das weniger einsatzbereit gewesen sein hätte können. Ich machte aus den Resten ein schickes Bündel und entsorgte es später an der ersten Mülltonne, die ich passierte. Der graue Himmel kehrte gegen Mittag zurück, und machte mir unmissverständlich klar, dass ich zukünftig nach regengeschützten Schlafplätzen zu schauen hatte. 

 

Bisher hatte ich bei vorangegangenen Reisen Griechenland als heißen und sonnigen Ort kennengelernt. Nun bereute ich, dass ich eilig und unvorbereitet aufgebrochen war. Vor mir war eine Straße, die in die Unendlichkeit zu führen schien, links von mir trockene, karge Landschaft, die maximal von Oliven- oder Orangenhainen unterbrochen wurde, rechts von mir, mal mehr, mal weniger nah, das Meer. Soweit alles okay. Was mit zu denken gab, war der graue Himmel. Wie hatte es Tom Robbins in meiner heiß geliebten Reiselektüre geschrieben? „Der vielärschige Himmel über Seattle.“ Vielärschig war auch der Himmel über Hellas. War das, wie Pan Liebesflüchtlinge empfing? Ich radelte wacker voran, und hoffte mit aller Inbrunst, dass ich meinen Schlafplatz vorm nächsten Regenschauer fände. Da traf mich der erste Tropfen. „Ätsch“, sagte der, und die nächsten 30 Kilometer radelte ich durch Regen.

 

Es war leichter als befürchtet, in Griechenland überdachte Schlafplätze zu finden. Überall gab es leerstehende Häuser, unfertige Bauruinen, überdachte Rastplätze, und je nach Regenstärke, suchte ich diese Plätze früh, oder sehr früh auf. So kam es, dass ich sehr langsam vorankam. Doch hatte ich es eilig? Wenn ich recht nachdachte, hatte ich es sehr wohl eilig. Ich wollte schnellstmöglich in sonnigere Gefilde kommen, und glaubte felsenfest daran, dass ich nur weit genug südlich strampeln musste, um mit ausreichend Sonne belohnt zu werden. So ist das mit Träumern. Sie glauben selbst dann an unmögliche Wunder, wenn Geologie, Wetterkunde, und Jahreszeiten eindeutig Nass und Kalt versprachen. 

 

Ich redete mir ein, es würde irgendwie weiter gehen – und hatte ich denn eine Wahl? Ich war vor meinen Schmerzen geflüchtet, und jeder verregnete Tag half mir, damit zu leben, dass die tollste Hippiebraut aller Zeiten, die größte Liebe meines Lebens, nicht mehr bei mir war. Weshalb auch immer. Meine grenzenlose Naivität half mir wo es nur ging. Ich stolperte von einem Missgeschick zum Nächsten, doch egal wie absurd meine Abenteuer wurden – ich überlebte sie relativ unbeschadet. Wenn man von Nässe und Kälte absah. Teil meiner Naivität war, dass ich allem irgendwas Gutes abzugewinnen vermochte. Als zum Beispiel in heftigsten Regenschauern meine Reifen platt waren, sah ich das als Zeichen für eine Pause. Ich kletterte kurzerhand über eine kniehohe Mauer, in den winterfest gemachten Partybereich eines Club Med. Da breitete ich alles unter einem Dach aus, und hatte einen wunderbaren Blick auf eine zugeregnete Lagune. 

 

Es dauerte nicht lang, da kam ein Grieche, und wollte wissen, was ich da machte, und dass es sich hier um Privatgrund handelte. Ich klärte ihn in englisch auf, dass ich von Regen überrascht worden war, und dass beide Reifen platt waren. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mich verstand. Dennoch verschwand er, und auch nach einer Stunde tauchte keine Polizei auf, um mich zu vertreiben.

  

Am nächsten Morgen wurde ich mit einem Anblick belohnt, den man aus Reiseführern kannte, Die Regenlagune, war zur blauen Lagune geworden, Das Meer leuchtete mich türkis an, und auch wenn ich schon beim Anblick ahnte, dass die Zeit für warmes Baden vorüber war, ging ich über befestigte Wege runter, zog mich aus, und warf mich ins Meer. Es war kalt. Es war herrlich. Ich beschloss kurzerhand den Tag und eine weitere Nacht im Club Med zu bleiben. Im Sommer wurde hier sicher viel getrunken, Lärm gemacht, getanzt, geflirtet, doch ich hatte den ganzen Club für mich allein. Der Grieche tauchte nicht nochmal auf. Offenbar hatte er mich als „harmlos“ eingestuft. Oder er hatte einfach besseres zu tun, als sich wegen einem verrückten aufm Rad zu stressen. Ich flickte die Reifen, und verdrückte an diesem wunderbaren Platz mit Palmen und angelegten Blumengärten, mein letztes Futter aus Berlin.

  

Da tauchte zum ersten mal eine andere Frage auf, als die, wie ich Lina vergessen könnte. Wie käme ich an Geld? Was hatte ich mir eigentlich gedacht? Tickte ich noch ganz richtig? Aufbrechen, in ein fremdes Land, ohne Plan, mit lausigen 100 Mark in der Tasche? Da dämmerte mir, dass ich aufgebrochen war, gefüllt von Liebesenergie. Ich hatte den Liebessommer meines Lebens hinter mir, und alles hatte mit einer Einfachheit geklappt, wie nie zuvor in meinem Leben. Monatelang hatte ich mit Lina nur rumgefickt, aber trotzdem war Geld zu mir gekommen. Wir hatten genug zu essen gehabt. Miete und Strom wurden bezahlt. Ich versuchte mich zu erinnern, wie. Wie hatte das funktioniert? Hatte mir meine Mutter geholfen? Sicher, sie half mir gern und viel, doch über Monate? Ich versuchte mich zu erinnern, aber alles woran ich mich erinnern konnte, war die zarte Haut meiner geliebten Lina. Wie gut sich ihre Lippen über meinem Schwanz angefühlt hatten. Wie sie unter mir gestöhnt hatte. Wie gut sie sich angefühlt hatte. Wie wunderbar und perfekt wir ineinander gepasst hatten. Da beschloss ich, ihr einen Brief zu schreiben. Wir waren nicht als Feinde auseinander gegangen. Während ich ihr schrieb, träumte ich, dass wir uns eines Tages wiedersehen würden. Uns wieder ineinander verlieben würden. Wieder knutschen und ficken würden, bis die Welt sich um uns herum auflöste.

  

In irgendeinem Dorf auf dem Weg, schickte ich den Brief ab, und organisierte mir eine Landkarte vom griechischen Festland. Ich befand mich an der Westküste, und überlegte, dass ich am südlichen Zipfel Griechenlands, in Patras, bestimmt Sonne und irgendeine Arbeit fände. Bis dahin waren es nur ein paar Zentimeter. Auf der Karte. Ich konnte mir nicht ansatzweise vorstellen, wie lange ich brauchen würde, um Patras zu erreichen. Ich vermutete, ich würde zwei Wochen brauchen. Übersah dabei allerdings, dass die Landkarte flach war - und Griechenland war es nicht. Ich brauchte einen Monat um Patras zu erreichen. Drei Wochen wurden von nicht enden wollenden Steigungen gefressen. Wie jeder Radfahrer weiß, sind es diese leichten, minimalen Steigungen, die sich über Kilometer hinziehen, die einem alle Kräfte rauben können. Sicher, irgendwann kam der Pass, und dann wurde ich mit langem entspannten Rollen belohnt – aber das Leben wäre nicht das Leben, wenn da mehr Gefälle als Steigungen gewesen wären. Manche Steigung war von Regen und Gegenwind begleitet. Mehrmals ertappte ich mich bei Gedanken übers Militär. Ich hatte es geschickt an mir vorbei geleitet, „dem Land zu dienen“ und mit Waffen durch den Dreck zu robben Stattdessen hatte ich mir mein persönliches hardcore Training gebastelt. Mit einem schwer bepackten Mountainbike, einem Loch in der Brust, und einem rasant schwindenden Geldvorrat.

  

Ob ich mit 50 Mark einen Monat ausgekommen wäre, ohne die vielen Orangen oder Tomaten, die ich überall am Straßenrand pflückte, bezweifelte ich. Doch bei allem Essen, das die Natur einfach für mich bereit hielt, war es dennoch nicht genug. Ich brauchte Nervennahrung. Was meist Schokolade oder Kekse waren. Ab und zu ein leckeres, griechisches Weißbrot, oder Schafskäse.

 

Je näher ich Patras kam, desto winziger wurde mein Geldvorrat. Je winziger der Geldvorrat wurde, desto weniger aß ich, und desto mehr reduzierte ich meine Bedürfnisse und Ansprüche. Ich trank mehr Wasser, aß mehr Orangen, und fuhr immer häufiger an Supermärkten vorbei, ohne mir meinen Vorrat an Zuckerdrogen aufzustocken. Nun waren da nicht nur der vielärschige Himmel über mir, der mich inzwischen täglich zuregnete, sondern auch drohendes Unheil. Etwas musste passieren. Aber was? Was sollte geschehen? Ich hatte nur eine unvorstellbare Zuversicht, dass mir das Leben ein Zeichen schicken würde, und dass ich dieses Zeichen erkennen würde.

  

Tag um Tag verging ohne Zeichen. Bis ich an einem sonnigen Morgen in Patras einradelte. Eine schicke, hippe, moderne Stadt. Ich hatte nichts erwartet, doch irgendwie fühlte es sich nicht so an, als würde ich hier Arbeit finden können. Diese Stadt hatte mehr Ähnlichkeit mit der Einkaufszone von Köln. Luxus, soweit das Auge reichte. Ich fuhr ein paar Kilometer weiter, auf einer Küstenstraße, bis ich etwas bemerkte, womit ich bislang nicht zu tun gehabt hatte. Entkräftung. Richtig. Ich hatte seit gestern Abend nichts gegessen. Meine Energietanks waren leer. So leer es nur ging. Ich hielt in einem Dorf am Meer, wo ich mir versprach, auf Touristen und Antworten zu stoßen. Stattdessen der gleiche Anblick wie auf Korfu. Geschlossene Tavernen. Winterfest gemachte Bars. Leere Strände. Dumm gelaufen. Ich war angearscht. Völlig kraftlos, unfähig auch nur ein weiteres Mal die Pedale runter zu treten, stieg ich vom Rad, lehnte es an eine niedrige Mauer vor einer Taverne, und setzte mich darauf.

  

Eine Freundin hatte mir das Buch Panaroma von Tom Robbins mit auf den Weg gegeben, über einen König und seine Freundin, die sich weigerten zu sterben und in Makedonien auf Pan trafen. Ein Gott, der das Aroma von Ziegen verbreitete, und überall auf der Reise hatte ich Pans tierischen Ziegengestank wahrgenommen – denn Griechenland war das Land der Ziegen. Sie waren mir oft begegnet, und hatten das Buch zusätzlich zu seinem brillanten Inhalt belebt. Wer von Pan im Land Pans liest, sollte nicht überrascht sein, auf Pans Spuren zu treffen. Regen hatte er mir mehr als genug geschenkt. Hat wohl gedacht, ich wäre ein Pflänzchen. Seine Nymphen hatte er für sich behalten. Ja, genau, war ich denn nicht auch aufgebrochen, um zu ficken? Um in sexueller Raserei das Loch in meiner Brust wieder zu schließen?

  

Das einzige erwähnenswerte, sexuelle Abenteuer bislang, war ein Abend an einem wunderbaren Strand gewesen. Irgendwo zwischen Norden und Süden. Namenlos. Auf keiner Landkarte verzeichnet. An einem frühlingshaften Sonnentag im Oktober. Schmetterlinge waren um mich herum geflattert. Und nach Sonnenuntergang hatte ich mit dem legendären letzten Streichholz ein Lagerfeuer entfacht. Nicht irgendein Lagerfeuer. Das erste Lagerfeuer meines Lebens. Und vorm Einschlafen hatte ich mich im Schlafsack, unterm Sternenhimmel befriedigt. Während ich an Lina gedacht hatte. Während ich mir ihre steifen Nippel, ihre feuchte, enge Pussy, und ihre frechen, leuchtenden Augen vorgestellt hatte. Sonst? Keine Touristinnen, keine Griechinnen. Das Land war wie ausgestorben. Irgendwie glaubte ich, dass mein Glück wieder käme, wenn ich erst wieder die zarten Küsse einer Frau spüren würde. Wie realistisch war das eigentlich? Ich wurde mir darüber bewusst, dass ich sicherlich nicht gerade den Anforderungen einer Lady entsprach. Ich hatte zwar versucht ein Mindestmaß an Körperhygiene aufrecht zu erhalten, und hatte mich sogar regelmäßig und unter Schmerzen mit kaltem Wasser rasiert. Nur hatte ich seit fast einem Monat keine Waschmaschine gesehen. Ich konnte an mir keinen ungewöhnlichen Geruch wahrnehmen, aber wochenlanger Regen hatte meine Klamotten kaum parfümiert. Ich dachte an Pan aus dem Roman, und seine expressive Geilheit, und dass sich keine Frau seinem animalischen Reiz entziehen konnte. Wie ich da so saß, auf der Mauer, energetisch ausgezehrt und erschöpft, glaubte ich nicht, dass ich in der Lage war, eine Frau zu begeistern. Nein, Frauen standen nicht an. Nahrung war das primäre Ziel. Und zwar dringend. Ich drehte mich um, und spähte zu der geschlossenen Taverne. Da gab es einen Außenbereich, der im Sommer sicherlich als open air Disco diente. Jetzt war da alles leer geräumt, und Plastikmöbel hinter einer runden Bar gestapelt. Was hätte ich jetzt für eine Cola gegeben. Einfach nur eine brutale Zuckerinjektion, um nach Patras zurück radeln zu können. Patras hatte wenigstens einen Bahnhof. Ich stieg über die Mauer und ging zu der Bar. Ich spähte über den Tresen, in der Hoffnung eine Cola zu finden. Tatsächlich war da ein Karton. Ich zog ihn vor, stellte ihn auf den Tresen, und öffnete ihn. Sechs Flaschen alkoholfreies Bier. Dann sah ich eine umgedrehte Postkarte auf dem Tresen liegen. Ich griff sie, drehte sie um, und darauf war eine Statue von Pan abgebildet. Wie er mir mit steifen Schwanz zuwinkte. 

 

Nachdem ich ausgelacht hatte, bedankte ich mich bei Pan, öffnete eine Flasche, und ich schwöre, dass dieses Getränk wie pure Sonnenliebesenergie schmeckte. Augenblicklich fühlte ich Leben in mich zurückfließen. Ich trank gleich eine zweite Flasche, legte die Pan-Grußkarte in mein Buch Panaroma, packte die verbliebenen vier Flaschen in die Satteltaschen, und fuhr zurück nach Patras. Obwohl ich nicht wusste, wie es weiter ginge, wusste ich genau was ich als nächstes tun würde. 

 

Ich fuhr zurück zu einem Platz in Patras, der mir durch entspannte, angenehme Energie aufgefallen war. Der Ipsilon Alonion Platz. Sonnendurchflutet, mit Bäumen, die Schatten spendeten, und Parkbänken, die hervorragend dazu geeignet schienen, das Leben zu mir kommen zu lassen. Bevor ich mich auf einer der Bänke niederließ, rollte ich zu einem Kiosk und gab meine letzten 100 Drachmen, umgerechnet eine Mark, für einen Schokoriegel aus. Dann setzte ich mich in die Sonne, ließ mir meinen Schokoriegel schmecken, und flüsterte:

 

„So, liebes Leben. Jetzt gilt‘s. Ich bin bereit.“ Ich schaute um mich herum, und wartete auf das Zeichen. Mein Zeichen. Meine Rettung. Irgendwas, das mir verriete, wie es von hier aus ohne Geld weiter ginge.

 

 Zwei oder drei Stunden saß ich da, doch niemand kam auf mich zu. Es gab auch keine weiteren Zeichen von Pan. Sicher, die Sonne war toll; das konnte alles bedeuten – und nichts. Die Sonne schien, und ihre helle Wärme verhinderte, dass Panik ausbrach. Ich war weit davon entfernt cool zu sein, wenn ich kein Geld mehr hatte. Außerdem war ich in einem fremden Land. Einem freundlichen Land, ganz ohne Zweifel, aber fremd. In Berlin hatte ich gelernt mich irgendwie durchzuschlagen. Berlin war Berlin. Da herrschten eigene Gesetze. Träumer hatten es da leicht. Es gab einen hohen Träumeranteil über den Einwohnern. Das half. Da war immer irgendwer, der eine verlorene Träumerseele retten wollte. Ich hatte keine Idee, wie das im Land der Griechen war.

  

Irgendwann spürte ich deutlich, dass kein Zeichen zu mir käme, sondern ich auf das Zeichen zugehen musste. Ich fühlte es so deutlich, wie das Loch in meiner Brust und die Vorbeben einer ausgewachsenen Bioüberlebenspanik. Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr aufs Geratewohl los. Irgendwohin. Wo mich das Glück treffen würde. Ich hatte keine Ahnung wie es aussehen würde, aber ich wusste, ich würde es erkennen. Ich hatte keine Wahl. Ich musste es erkennen. Oder ich hätte ein Problem. Ein gewaltiges Problem. Ich hatte sofort paar hundert Bilder vor Augen, wie düster mein Leben werden könnte, wenn ich mein Zeichen übersehen würde.

 

 Ich fuhr runter bis zur Othonos Kai Amalias, die Hauptstraße direkt am Hafen von Patras. Schaute links, rechts, ab und zu auf den Verkehr, und hielt wie ein Adler auf Jagd Ausschau. Allein im Herbst - während es in Berlin regnete und die Temperaturen in den Keller purzelten - durch die Sonne zu fahren, erfüllte mich. Ich schaute mir die unterschiedlichen Häuser an, Schilder von Geschäften, da kam der Bahnhof, ich rollte an ihm vorbei, lauschte der angenehmen Frauenstimme die begleitet von einer Gitarre vorm Bahnhof sang, schaute links, schaute rechts, und spähte weiter nach dem Signal. Erst hundert Meter weiter bremste ich.

  

Eine singende Frau? 

 

Das war das eine Element, das nicht in das Gesamtbild passte. Die eine ungewöhnliche Erscheinung, die so ungewöhnlich war, wie meine eigene Erscheinung. Und ich war dran vorbei gefahren... Ich drehte um, und gleich darauf saß ich mit zwei jungen Engländerinnen vorm Bahnhofseingang, und fragte sie aus. Wer sie wären, was sie machten, und vor allem, wie sie ihre Reise finanzierten.

 

Ihre Namen hatte ich schon vergessen, gleich nachdem sie sich vorgestellt hatten. Sie kamen aus Manchester. Waren auf dem Weg in einen Kibbuz in Israel. Auf meine Frage nach dem Geldverdienst, antworteten sie: „Begging.“

 

Ich kannte das Wort nicht. Eine der Rastafrauen erklärte das Wort mit offenen Händen. Sie meinte Betteln.

 

„Really?“, fragte ich, und muss das bekloppte Gesicht eines armen Irren gemacht haben, dessen Weltbild gerade vor seinen Augen zerbrach. Betteln? Das sollte die Antwort des Lebens auf meine Fragen sein? Ich wollte zu einem imaginären Gott hochschauen und ihn klagend anschreien: „Das ist deine Antwort, du Scherzkeks? Betteln? Bist du irre, du Arsch? Betteln?“

 

Die beiden jungen Frauen bemerkten meine Schockstarre, lächelten sich an, doch machten sich nicht über mich lustig.

„Yeah, we felt like that, too. But it is pretty easy here. The greek like to give“, erklärte eine der Frauen.

„...but...how?“ 

„How to beg?“

 

Ja. ich wollte wissen, wie sie es machten. Betteln ist schließlich nichts, was zum Lehrplan einer ordentlichen, deutschen Schule gehörte. Die Gesprächigere der beiden Frauen, die auch mutiger und härter schien, erklärte es. Wenn ich ihren Worten glauben schenken durfte, dann musste ich nur irgendwen auf der Straße ansprechen, höflich erklären, dass ich nichts zu essen hatte - was der Wahrheit entsprach – und um ein paar Drachmen bitten. Abschließend empfahl sie mir nach Athen zu gehen, und dort ein spezielles Hotel aufzusuchen. Das „Alex In“. „Cheap“, wie sie versicherte. Und in Athen wäre es leichter an Geld zu kommen.

  

Ich saugte ihre Worte fasziniert und erschüttert auf. Dann kamen zwei coole Hippietypen durch die Bahnhofspforte. Sie beäugten mich misstrauisch und nicht besonders freundlich. Sie sagten den Frauen es wäre Zeit. Der Zug käme. Ich hatte noch tausend Fragen, aber die Frauen packten ihre Sachen, wünschten mir „good luck“, und gleich darauf stand ich allein vorm Bahnhof von Patras, und hatte meine Antwort. Eine Antwort, die so überhaupt nicht das war, was ich erwartet hätte. 

 

Ich fuhr zurück zum Ipsilon Alonion Platz und pflanzte mich paralysiert auf eine Bank. Die Griechen geben gerne, hatte die Frau gesagt. Ja, das konnte ich mir gut vorstellen. Sie waren freundlich und offen. Außerdem bemüht, gute Christen zu sein. Auch wenn ich nicht verstand, wie das mit den Pornoheften zu vereinen war, die überall an jedem Kiosk direkt neben den Tageszeitungen verkauft wurden. Nicht die Griechen waren das Thema. Ich war es. Wie um alles in der Welt sollte ich das tun? Betteln? Meine Mutter hatte von Bettlern herablassend und voller Verachtung gesprochen. Betteln war in ihren Augen ein Verbrechen gewesen. Nicht so schlimm wie Raub oder Mord, aber nah dran. Total verwerflich. Peinlich. 

 

Ich saß auf der Bank und versuchte mir vorzustellen, wie ich jemand ansprach und um Geld bat. Ich lachte laut auf. Es war zu absurd. Einfach jemand um Geld anhauen. Unmöglich. Ich konnte das nicht tun. Unter keinen Umständen. Oder… moment… vielleicht doch… Ich hatte kein Geld mehr. Nichts zu essen. Nur vier Flaschen alkoholfreies Bier, die mich auch nicht sehr weit brächten. Langsam dämmerte mir, dass ich hier auf einer Parkbank von Patras eine essentielle Lektion des Lebens lernen sollte. Entweder ich war bereit ein Risiko einzugehen, meinen Stolz aufzugeben, und etwas auszuprobieren, oder das Leben würde mir die Konsequenzen präsentieren. Was ich in diesem Augenblick kapieren musste, war eine einfache Rechnung. Entweder ich überwand meine Angst, oder ich würde mit Problemen konfrontiert, die ich noch weniger einschätzen konnte, und sicher unangenehmer wären, als Fremde um Geld zu bitten.

  

Ich beschloss, dass es nicht gut aussähe, wenn ich mit dem bepackten Rad betteln würde, darum schloss ich es an eine Parkbank, entfernte mich so weit davon, dass ich es sehen konnte, aber nicht damit in Verbindung gebracht wurde. Und dann nahm ich allen Mut zusammen.

 

Es war verrückt. Ich sollte nicht vom Zehnmeterbrett in eiskaltes Wasser springen. Keinen Balanceakt über ein Drahtseil machen. Nur einfach jemand um Geld bitten. Und es war fast so unmöglich, wie mir auf Kommando in die Hose zu pinkeln. Ich suchte irgendeinen Trick, der mir die Aufgabe einfacher gemacht hätte. Da war kein Trick Es war nichts, was ich hätte tun können, um meine Angst zu verkleinern. Es gab nur eines zu tun. Es zu tun.

  

Ich stand auf dem Weg und schaute den Leuten zu, wie sie von A nach B gingen. Alle waren auf dem Weg von irgendwo nach irgendwo. Nur ich nicht. Ich sollte etwas tun, was ich nie im Leben getan hatte, und was diese Leute vielleicht ihr Leben lang nie tun würden. Sie hatten Jobs. Familien. Autos. Häuser. Ihre Prestigeobjekte. Ihre wichtigen Leben und noch wichtigeren Sicherheiten. Ich wusste nicht, was die nächsten 5 Minuten brächten. Alle, die sie da gingen, waren unbekannt. Und ich sollte sie aus ihrer Anonymität reißen, und darum bitten, mir zu helfen. Eigentlich war da kein Problem. Wir waren alle Menschen, richtig? Wir hatten alle Stärken und Schwächen, richtig? Es war okay zu bitten. Ich musste es nur wagen. Wieso hatte ich es nicht früher gewagt? Wieso hatte ich nie jemals daran gedacht? Millionen Fragen und Antworten überschlugen sich in meinem Kopf und es wurde langsam sehr eindeutig, dass nichts geschehen würde, wenn ich es nicht wagte.

  

Der erste Mann den ich ansprach, war vielleicht um die 30, hatte einen schicken Bart, trug gepflegte Kleidung, und ich machte ihn auf mich aufmerksam mit den Worten „Excuse me, please...“

  

Er blieb stehen, und hörte sich an, was ich ihm vorstammelte. Dass ich rumreiste, kein Geld, und nichts mehr zu Essen hatte. Ob er ein paar Drachmen übrig hätte. Er sah mich verwundert an. Für einen Augenblick dachte ich, er würde mich auslachen, oder einfach weitergehen. Stattdessen griff er wortlos in seine Hosentasche, holte seinen Geldbeutel heraus, und drückte mir 100 Drachmen in die Hand. Ich bedankte mich, er lächelte mich an, ging weiter, und ich hatte mit einer einzigen Frage 100 Drachmen verdient. Gleich beim ersten Versuch. Ich war fassungslos. Die 100 Drachmen fühlten sich an wie 1000 Mark. Ich musste sofort überprüfen, ob das ein Zufallstreffer gewesen war. Ich probierte es mit einer Frau. Gleiche Ansprache. Gleiche Reaktion.

  

Ich spazierte nun durch den Park und schnappte mir, wen auch immer mir meine Intuition riet anzusprechen. Nach nur einer Stunde, und bevor die Sonne unterging, hatte ich 2500 Drachmen erbettelt. Eine Summe, die mir unglaublich vorkam. Nachdem ich tagelang kein Geld eingenommen hatte, fühlte ich mich reich und unglaublich beschenkt. Ich kehrte verwirrt und glücklich zu meinem Mountainbike zurück. Ich wusste, was ich nun zu tun hatte. Zum Bahnhof fahren, mir ein Ticket nach Athen kaufen, in besagtem Hotel einchecken, und meine Karriere als Bettler beginnen.

  

Am Bahnhof konnte ich den letzten Zug nach Athen bekommen. Ich würde mit etwas Glück vor Mitternacht in dem Hotel einchecken. Wenn ich es fand. Ich kaufte ein Ticket plus Fahrradtransport, und musste nun etwas Zeit auf dem Bahnhof totschlagen. Zuerst nahm ich einen älteren Herren wahr, der auf einer Bank saß, und neben sich ungenutzt einen Walkman liegen hatte. Da wurde mir schmerzlich bewusst, was mir fehlte. Musik. Ich war tatsächlich ohne Walkman aufgebrochen. Ich hatte zwar einige Mix-Tapes dabei, aber hatte keinen Walkman für unterwegs gekauft. Ich fragte den alten Reisenden, ob ich mir wohl für zwei Stücke den Walkman ausleihen dürfte. Natürlich hatte er nichts dagegen. Ich hörte ein Stück von Wolfgang Press und ein paar Minuten aus Keith Jarretts Köln Konzert. Die Musik erinnerte mich an Lina. Wir hatten zu Wolfgang Press zusammen auf meinem Bett getanzt, und uns zu Keith Jarretts Piano Improvisation geliebt. Ich gab dem Mann den Walkman dankend zurück, und wusste, dass ich dringend einen Walkman brauchte. Musik war Leben. Wie hatte ich nur so verrückt sein können, ohne Musik aufzubrechen?

  

Dann sprach mich ein Typ an, der … nunja… er war etwas älter als ich… Wäre ich in einer mystischen Science Fiction Geschichte gewesen, hätte er mein älteres Ich dargestellt. Oder wie Charles Dickens’ Geist der zukünftigen Weihnacht eine mahnende Vision, was aus mir werden würde - wenn ich nicht verdammt gut aufpassen würde.

 

Er war Deutscher, und nach einem Monat wieder Deutsch zu sprechen, war ein schönes Gefühl. Auch wenn mit dem Typ etwas nicht stimmte. Ich hatte oft beobachtet, dass mich eine leise, undeutliche Stimme in mir, vor manchen Leuten warnte. Bisher hatte mich diese Stimme nie belogen. Ich war also auf der Hut. Ärger war nichts, was ich unbedingt als Entertainment brauchte oder wollte. War schon irgendwie verrückt, wie viele Filme und Geschichten ich zur Unterhaltung konsumiert hatte, und mich daran aufgegeilt hatte, wie jemand in massive Schwierigkeiten geriet. Für mein eigenes Leben war ich darauf bedacht, maximale Harmonie mit minimalem Kraftaufwand zu erreichen.

  

Schnell stellte sich heraus, was es mit dem Unbekannten Reisenden auf sich hatte. Er war Bettler. Wie ich. Das heißt… Nicht genau wie ich. Eigentlich überhaupt nicht wie ich. Er war ein Profi, und ich war ein blutiger Anfänger. Er holte eine Rolle Geldscheine heraus. Diese Rolle hatte mindestens einen Durchmesser von fünf Zentimetern. Offenbar alles Drachmenscheine. Und nicht nur 100er.

 

„Alles erbettelt“, sagte er stolz. Ich fragte mich, ob das etwas war, worauf ich stolz gewesen wäre. Das Geldbündel hatte mich jedoch hypnotisiert. Ich starrte darauf, und versuchte zu schätzen, wie viele Drachmen er da zusammengebettelt hatte. Es war unmöglich einzuschätzen. Es schien viel zu sein. Mehr als ich im letzten Sommer verdient hatte. Mehr als ich das ganze Jahr verdient hatte.

 

„Wie?“, fragte ich, und mein ehrliches, fassungsloses Staunen löste seine Zunge sofort. Er berichtete mir seine Technik. Er ging in Geschäfte, fragte nach einem Job, und natürlich hatten sie keinen Job. Dann fragte er sie, ob sie ihm mit ein paar Drachmen weiterhelfen konnten. Was sie taten. Auf diese Weise verdiente der Unbekannte je nach Tagesform zwischen 200 bis 500 Mark am Tag. Ich hätte ihm kein Wort geglaubt, hätte ich nicht die Rolle mit Geldscheinen gesehen. Mir wurde auch klar, was mit dem Unbekannten nicht stimmte. Er war eitel, arrogant, berechnend, und unehrlich. Er war kein Bettler wie ich. Er war ein Lügner, und die Lüge hatte sein Gesicht gezeichnet. Nicht ein verstecktes Portrait wie bei Oscar Wildes Dorian Gray. Der Unbekannte hatte die Folgen seiner Handlungen selbst zu tragen, und konnte die Entstellungen seines Gesichts nicht auf ein magisches Gemälde abwälzen. Da waren Züge von Verbitterung um seine Mundwinkel, und verschlagene Stumpfheit des Geizes in seinen Augen. Es waren vielleicht diese Falten, eben diese Augen, die mich dazu bewegten, ihn zu fragen, ob er mir von seinem Geld etwas abgeben wollte.

  

Sein Augen weiteten sich, und er lachte empört auf. „Nein!“ schrie er fast, umklammerte seine Geldscheinrolle und steckte sie eilig in seine Tasche. Er versuchte mit Überlegenheit und Coolness seinen Geiz zu überspielen. Versuchte meine Frage als lächerlich und unangebracht hinzustellen. Eins gelang ihm nicht: er besaß nicht die Größe der Griechen, die ihm Geld geschenkt hatten. Er besaß nicht die Gabe des Gebens. Von einem Augenblick auf den Anderen hatte sich die gesamte Hässlichkeit dieses Bettlers offenbart. Er versuchte sich mit arroganten Scherzen auf meine Kosten rauszuwinden, doch er hatte die Chance verpasst. Mir war es nicht darauf angekommen, dass er mir etwas abgab. Ich brauchte sein Geld nicht. Das Leben hatte uns eine Chance geboten. Ich hatte sie genutzt. Er hatte sie vorbei ziehen lassen. Gleich darauf fror unser Gespräch ein. Er verabschiedete sich eilig von mir. Er schien zu spüren, dass seine Tarnung aufgeflogen war, und ich die ganze Hässlichkeit seiner grauen Seele fühlte. Ich sollte ihn nie wieder sehen – aber auch nie vergessen. Ich wollte niemals so gierig und geizig werden, wie dieser unbekannte Bettler auf dem Bahnhof von Patras.

  

Im Zug nach Athen hatte ich genug Zeit darüber nachzudenken, wie das Leben mich herum schickte. Wie es mir Angebote machte, und welche Preise ich zu zahlen hatte. Das das allen Menschen so ging, ungeachtet ihres Alters, ihrer Jobs, ihrer Bedürfnisse. Das Leben schien ziemlich weise zu sein. Weiser als ich oder ein einzelner Mensch. Es schien genau zu wissen, was ich brauchte. Und mir vorzuenthalten, was ich nicht brauchte.

  

Auch wenn es nach den Vorstellungen meiner Mutter verwerflich war, zu betteln, hatte mich das Leben mit erbetteltem Geld weiter geschickt. Obwohl ich dringend nach meiner Trennung von Lina eine tröstende Frau hätte spüren wollen, bekam ich sie nicht. Da steckte ein System dahinter. Ich verstand es nicht. Vielleicht gab es da nichts zu verstehen. Vielleicht galt es nur, offen zu bleiben. Bereit für die nächste Überraschung. Bereit für das nächste, lehrreiche und neue Lebensgeschenk.

 

Ein gutes Zeichen dafür, auf dem richtigen Weg zu sein, war es, wenn alles reibungslos klappte. Zum Beispiel wenn ein Träumer wie ich, ohne Orientierungssinn, nachts in Athen aus dem Bahnhof rollte, und ohne sich zu verfahren, ohne Umwege, das Hotel fand, wo ich meine Zeit in Athen verbringen wollte. Das „Alex In“ war einzigartig. Es war von solch erschreckender Hässlichkeit und Abgeranztheit, dass es ein Meisterwerk ohne gleichen geworden wäre, diesem Hotel einen Roman zu widmen. Es war billig. Darauf kam es an. Ich konnte dort von Tag zu Tag zahlen, und es hatte gleich neben dem Eingang einen Keller, in dem ich mein Mountainbike sicher und trocken deponieren konnte. Auch wenn es längere Zeit nicht geregnet hatte – der nächste Regen kam bestimmt. Ich war froh über mein erstes richtiges Bett seit Wochen. Da war es nebensächlich, was runderhum ablief. Es gab fließendes Wasser. Heiß. Das war Luxus. Es gab elektrischen Strom, und endlich konnte ich Panaroma zuende lesen. Wenn ich wollte, konnte ich die ganze Nacht durchlesen. 

 

Am nächsten Morgen hätte ich gleich mit meinem neuen Job anfangen können, doch ich nahm mir einen Tag frei. Ich konnte es mir leisten. Ich hatte für die erste Nacht gezahlt, und genug Geld für Essen und eine zweite Nacht. Ich machte einen kurzen Rundgang durch das Hotel. Vermutlich um mir das ganze Ausmaß der Verwesung vor Augen zu führen. Natürlich gab es weit und breit nichts, was mich zum Aufenthalt einlud. Am Wenigsten der Aufenthaltsraum, in dem ein paar teuflisch fertige Reisende sich an Bieren festklammerten. Dies war der Stoff, aus dem Stephen King seine Horrorgeschichten spann. Ich musste in der dunkelsten Ecke von ganz Athen gelandet sein. Kein Licht fiel vor draußen in den Aufenthaltsraum. Dunkle, alte, abgeranzte Möbel. Biergestank. Ein durchgelaufener Teppich ohne jede Farbe. Volle Aschenbecher. An die Wände gepinnte Poster und Plakate von Griechenland und Hardrock Plattencovern. Ein wenig fühlte ich mich wie Richard Chamberlain in dieser Serie, die ich als Kind gesehen hatte. Shogun. In der er die japanische Kultur kennenlernte, und als er nach Wochen zu seiner Schiffsmannschaft zurückkehrt, trennten sie Welten. Als er ihre üble Saufkaschemme verlässt, weist er einen Diener an, seine Klamotten verbrennen zu lassen. So fühlte ich mich. Ich hätte nach dem kurzen Durchwandern des Aufenthaltsraums meine Klamotten verbrennen sollen. Das Hotel verlassen. Aber ich war noch am Lernen. Es gab viel zu lernen. Da kamen die dunkelsten Ecken gerade passend.

 

Ich schwang mich auf mein Rad, mit der Absicht, die Akropolis zu besichtigen. Nicht dass mir an Ruinen besonders viel gelegen hätte. Ich hatte nichts zu tun, und es war gut, mit einem Ziel durch die Stadt zu fahren. Am großen, legendären Tempel angekommen, erfuhr ich ein anderes Schwarz. Das war nicht die Art Horror meines Hotels oder über den Stephen King schrieb. Es war mehr der Horror von dem Hannah Arendt geschrieben hatte. Die Banalität des Bösen. Die hier durch einen Maschendrahtzaun und ein Kassenhäuschen symbolisiert wurde. Vor einem Stück Menschheitsgeschichte, das frei zugänglich sein sollte. Ich überlegte nicht eine Sekunde, ob ich mich in die Schlange vor der Kasse einreihen würde. Es war mir plötzlich total egal, dass irgendwelche griechischen Mystiker wohl auf den einen oder anderen Stein gepupst hatten. Alte Kultur sollte nicht eingezäunt sein. Ich wandte der Akropolis den Rücken zu, und sollte sie nie sehen. Ich war mir sicher, dass ich dort nicht das finden konnte, was ich eigentlich wollte. In der Welt, wie ich sie sah, gab es Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge, Sonnenschein, und bestimmte Orte, von wo ich das am Besten sehen und genießen konnte. Eingezäunte Orte, mit vielen Leuten, mit klickenden Fotoapparaten, Lärm von tausenden Stimmen, und Rummel-Ambiente gehörten nicht dazu. Ich war sicher, dass jeder Furz eines griechischen Mystikers tausendfach von den Steinen gerieben worden war. Was zum Teufel sollte ich also da?

  

Mein Mountainbike war da eine weit größere Freude. Ohne Gepäck konnte ich mit ihm wunderbare, abenteuerliche Fahrten durch das wilde Leben von Athen machen. Augenblicke, in denen ich mich fühlte. Mein Kopf wurde gut durchblutet, und ich wusste, dass ich bei mir bleiben und achtsam sein sollte. Athen und das „Alex In“ hatten Ähnlichkeit mit Sumpf; gut, um darin mordsmäßig einzusinken. Ein Gefühl, das sich am Abend bestätigte. Als ich von meiner Tour durch Athen zurück kam, war der Aufenthaltsraum schon gut gefüllt. Ich zählte wenigstens 15 Kerle, die in ihrer Aufmachung hervorragend dazu geeignet waren, mich schleunigst in mein Hotelzimmer zu vertreiben. Wäre inmitten dieser Horde bemitleidenswerter Kreaturen nicht eine Person gewesen, die nicht ins Gesamtbild passte. Generell schien ich nur dann angekitzelt zu werden, wenn jemand oder etwas aus dem Gesamtbild fiel.

 

Während alle Kerle im Aufenthaltsraum fertig und zerbrochen wirkten, ungepflegt und unrasiert, war die eine Ausnahme jünger, gepflegt, aber vor allem mit einem wachen, strahlenden Lächeln ausgestattet. Er stellte sich als Alan vor und als wir uns begrüßt hatten, kamen wir sehr schnell auf Kunst zu sprechen. Von da war es nicht weit zum nächsten Schritt. Er verriet mir sein Geheimnis. Er war auch Künstler. Sein Geld verdiente er mit gefälschten Ausweisen und Pässen. Er sagte das ohne die geringste Eitelkeit oder Angeberei. Ich liebte den Mann augenblicklich. Er hatte genau die Art gewinnender Selbstbeherrschung, Bescheidenheit und Unterstatement, mit der jemand schnell mein Freund werden konnte. Darum hielt ich mich viel länger im Aufenthaltsraum auf, als ich je vorgehabt hatte. Ich ließ mir alles über die Techniken des Fälschens verraten. Es war eigentlich ganz einfach, Man brauchte nur mehrere Fine-Liner, gefüllt mit unterschiedlich farbiger Tinte, eine unglaublich ruhige Hand, Geduld, viele, viele Zigaretten, und musste nichts weiter machen, als einen Ausweis abzuzeichnen. Die australischen Reisepässe eigneten sich nach seiner Aussage besonders. Die waren seine Spezialität. Dann ging er mit den Zeichnungen in einen Kopierladen, kopierte die gezeichneten Miniaturen, und musste dann nur noch Bilder und Namen einfügen. Schrift und Stempel zeichnete er auch. Ich lauschte gebannt seinen Erzählungen, und es waren genau diese Momente, die meine Reise zu einem Wunder machten. Im dunkelsten Loch Athens hatte ich eine durch und durch helle Erscheinung getroffen – mit dem coolsten Job, den ich mir zu dem Zeitpunkt hatte vorstellen können.

  

Spät in der Nacht schlurfte ich in mein Zimmer, schlief sofort ein, ohne einen einzigen Gedanken auf den morgigen Tag zu richten.

 

 

 

14.11.1991

 

Ich wachte auf. Alles war weiß. Sauber duftend. Ein Bett. Ach ja, ich bin in einem Hotel. Hm, dachte ich. Wieso "hm"?, fragte ich mich. 

Weil ich Geld auftreiben musste. Weil ich mich daran erinnerte, wie ich es tun wollte. 

 

Wer schonmal was von Bioüberlebensangst gehört hat, kann sich vielleicht vorstellen, wie wenig Lust ich hatte, meinen Hintern aus dem Bett zu schieben. Ich hielt meinen Hintern also warm im weißen Bettchen und überlegte. Ich überlegte, wie man bettelte. Meine Erfahrung in Patras fühle sich wie ein ferner Nebel an. Hatte wirklich ich das gemacht? Das sollte ich wieder tun? Das wollte ich wieder tun? Wie? Mich irgendwo mit einer Schale hinsetzen? Würden mir die Leute Geld geben? Ich sah nicht wie ein Bettler aus. Wie sah ein Bettler aus? Was machte ein Bettler? Konnte ich das? War betteln gefährlich? Was würden Freunde und Mutter dazu sagen? Und so weiter. Ich lag jahrelang in diesem Bett. Die Zeit tropfte dahin, und ich wusste, dass das kostbare Zeit war, die ich bereits Geld erbetteln hätte können. 

 

Ich stand auf, und mein Körper war schwer. Ich hatte nicht mit den sonderbaren Vögeln im Aufenthaltsraum mitgesoffen; Alkohol war nicht meine Droge. Vielleicht hatte ich die depressiven Alkschwingungen aufgeschnappt. Wahrscheinlicher war mein Gewicht durch die Schwere der bevorstehenden Aufgabe zu erklären. Ich hatte eine Frage gestellt, und eine unerwartete Antwort erhalten. Und nun? Nun konnte ich mich der Aufgabe stellen, oder wegrennen. Nur hätte ich mit Wegrennen kein Geld verdient. Auch nichts dazu gelernt. Das Leben hatte mir geantwortet, und nun lag es an mir, dem Leben zu antworten.

 

Ich zog mich an, nahm meinen blaue Plastiktasche, in der ich meine Bad-Utensilien transportiert hatte, warf ein paar lächerliche, wertlose Drachmenmünzen rein, und schlich mit einem ziemlich miesen Gefühl beim Empfangstresen vorbei, wo ich mein Zimmer für die nächste Nacht zu zahlen hatte. Ich wusste nicht, dass im „Alex In“ alle Gäste zahlten, wenn sie ihr Geld hatten, und die meisten Gäste ihren speziellen Weg hatten, Geld zu bekommen.

 

 

Ich ging ausnahmsweise zu Fuß, um einen guten Platz zu finden. Ging durch die Straßen Athens, direkt auf das Stadtzentrum zu. Ein sonniger Tag. 

Da sah ich einen Mann auf dem Boden vor einer Bank sitzen. Mit einem Schild, auf dem die gleichen Buchstaben gekritzelt waren, wie auf dem Schild, das ich mir von Alan hatte machen lassen: 

"Ich habe Hunger. Bitte gib mir etwas zum Essen oder Geld damit ich mir was kaufen kann. Danke sehr!" Geschrieben mit griechischen Buchstaben.

 

Der Mann sah schlecht aus, starrte düster den Boden vor sich an, und kam mir erstaunlich bekannt vor. Hatte ich den nicht am Abend zuvor mit Bier und Zigaretten im Aufenthatltsraum des „Alex In“ gesehen..? Hatte er nicht gestern etwas zufriedener gewirkt? 

Ich ging weiter und sah auf einer anderen Straße einen Mann liegen, der schreckens- und mitleiderregend zuckte. Moment, dachte ich. Den kannte ich auch. Der hatte doch gestern auf einem der Sofas im Alex gesessen, fröhlich Bier gesoffen, und mit anderen Gästen angeregt gequatscht. Was war über Nacht geschehen? Ich ahnte etwas. 

Nur wenige Schritte weiter traf ich auf einen weiteren Mann aus dem „Alex In“, der über Nacht offenbar ein Bein verloren hatte. Was auch immer geschehen war – am Vorabend war er noch äußerst agil aus seinem Sessel gesprungen, um sich noch ein Bier zu holen. Ich lächelte den Kerl an, aber scheinbar hatte er über Nacht nicht nur ein Bein verloren, sondern war gleichzeitig erblindet. 

Ich ging schockiert weiter. Schockiert, weil ich in einem Hotel voller Bettler gelandet war, und schockiert, weil ich auf keinen Fall simulieren wollte. Ich fühlte mich gesund, die Sonne schien, und abgesehen davon, dass ich kein Geld hatte, ging es mir hervorragend. Mit jedem Meter, den ich durchs Athener Zentrum wanderte, traf ich Bettler, die böseste Behinderungen hatten, die offenbar nur durch Bier oder den Aufenthalt im „Alex In“ geheilt wurden. Wie bei dem Bettler im Bahnhof von Patras, überfiel mich auch mit diesen Leuten das Gefühl, dass ich das unter keinen Umständen so machen konnte. Ich wusste nicht, wie ich es machen sollte - so nicht. Ich war gewillt lieber zu verhungern, als den Passanten ein mitleiderregendes Schauspiel abzuliefern. 

 

Ich hielt vor dem Archäologischen Museum. Davor war ein großer, grüner Platz. Ein heller, sonniger Ort, an dem hunderte Menschen vorbei gingen. Es war Mittag. Kurz vor Geschäftsschluss. Ich hatte noch zwei Stunden Zeit, und fand immer noch nicht den Mut, mich hinzusetzen. Ich bemerkte nur, dass es total sonderbar war, welche schattigen, dreckigen Plätze sich die anderen Bettler ausgesucht hatten. Ich wollte in der Sonne sitzen. Soviel wusste ich bereits.

  

Da kamen zwei junge Kerle auf mich zu. Traveller, mit zerknitterten Klamotten, unrasiert, langen, ungepflegten Haaren, ausgelatschten Turnschuhen, und quatschen mich auf englisch an. Ob ich ein paar Drachmen übrig hätte. Ich hielt ihnen als Antwort mein Bettelschild unter die Nase. Wir lachten, und sie wünschen mir viel Erfolg. Ich ihnen ebenso. Die Zwei kannte ich auch aus dem „Alex In“; sie erkannten mich nicht.  

Als sie aus dem Blickfeld waren, setze ich mich hin. Das heißt, ich befahl mir "JETZT!", und schob meinen Rücken an einem Laternenpfahl nach unten, bis mein schwerer Arsch den Boden berührte. Da gab es Leute, die viel Geld dafür ausgaben, an langen Gummibändern von Brücken oder von Kranarmen zu springen. Um sich ihren Mut zu beweisen. Mein Bungeesprung war von einer anderen Art. Während alle Leute machten was alle Leute machten, während sie geschäftig von A nach B hetzten, und bemüht waren weder aufzufallen, noch jemand anzurempeln, durchbrach ich die Norm. Ich fühlte es in dem Augenblick, als ich den heißen, Athener Stein berührte. Ich hatte mich durch eine einfache, unscheinbare Handlung aus der Welt der Routine katapultiert. Ich hatte Angst. Ich hatte Angst, wie sie wohl alle kennen, die einen Schritt ins Ungewisse wagten. Ich schloss die Augen, und ließ nochmal die Bilder an mir vorbeiziehen, die ich auf dem Weg zu meinem Platz aufgeschnappt hatte. Die Gäste des „Alex In“, die ich im Aufenthaltsraum bei Bier lachen und schwatzen gesehen hatte, und über Nacht alle bös mutiert waren. Einer hatte über Nacht sein Bein verloren, einer hatte epileptische Zuckungen, einer sabberte, und einer lag grotesk verrenkt auf dem Boden. Das konnte es nicht sein. Ich fühlte, dass das nicht mein Weg sein konnte. Leute betrügen? Mich verstellen, für ein paar Drachmen? Meine Würde wegschmeißen, für ein paar Drachmen mehr?

  

Ich hatte den rechten Ort gefunden, und der Ort bestimmte die Haltung. Alles, was ich die letzten Jahre gelernt hatte, komprimierte sich in einer einzigen Handlung. Ich verschränkte meine Beine, wie ich das von meinen Zen-Vorbildern gelernt hatte. „Halber Lotus“, wie die Zen-Buddhisten sagten. Ich legte das blaue Täschchen mit den Münzen offen vor mich, verbeugte mich vor der Sonne, der Stadt, und der Erde, ließ mich von Heiterkeit durchströmen, und begann lächelnd meine Bettel-Meditation. 

 

Die Sache war denkbar einfach. Ich wollte, dass alle sahen wie gut es mir ging. Wie sehr ich es genoss am Leben zu sein. Wie dankbar ich dafür war, in der Sonne sitzen zu dürfen, im November, und wer auch immer mir etwas geben würde, bekäme von mir als Dank eine Verbeugung. Das Schild brauchte ich nicht mehr. Ich hatte keinen Hunger. Ich wollte beschenkt werden, von Leuten denen mein Lächeln gefiel. Weil sie mich sahen und fühlten. Wenn alle anderen Bettler dieser Stadt unbedingt leiden wollten, so war es meine heilige Aufgabe, allen die es sehen wollten, zu zeigen, dass ich meinen Weg selbst gewählt hatte. Dass Betteln nicht mein Schicksal war, sondern meine Entscheidung. Mein Weg, frei und unabhängig zu bleiben. 

 

Ich saß, und lächelte, und jedes Mal, wen eine Münze oder ein Schein in meiner Tasche landete, verbeugte ich mich, wie ich es bei Buddhisten gesehen hatte. Nach wenigen Stunden des Meditierens in der Sonne, als die Athener Mittagspause begann, blieb der Passantenstrom aus. Zeit für meine letzte Verbeugung. Dank an die Sonne, dank an die Stadt, dank an ihre Bewohner, dank an die Erde, auf der ich saß.

 

Natürlich waren meine Beine eingeschlafen. Ich nutzte den Moment, den das Blut brauchte um bis in die Füße zurück zu strömen, um einen Blick auf den Inhalt meines Beutels zu werfen. Eindeutig genug Geld für Essen, das Hotel, und um etwas für meine weitere Reise zurückzulegen. Ich war sehr zufrieden. Sehr erleichtert. Auch wegen dem Geld. Vor allem darüber, dass ich den Mut besessen hatte, mit den Moralvorstellungen meiner Eltern und Umwelt zu brechen. Als ich aufstand, war mir, als würde ich wieder in die Masse eintauchen, und in die Unauffälligkeit aller.

  

Zurück im Hotel, zahlte ich zwei Nächte im Voraus, ging in einen benachbarten Supermarkt und kaufte Leckereien, und verbrachte den Rest des Tages mit Schreiben. Ich war nun offiziell ein Zen-Bettler. Mit einer Aufgabe. Aus einer abgewerteten Profession eine würdevolle Handlung zu machen. Ich schrieb viel an diesem Nachmittag, und versuchte zu verdauen, dass eine so einfache Handlung so tiefe Folgen für mich und die Umwelt haben konnte. Als ich las was ich da geschrieben hatte, verstand ich nicht was ich eigentlich meinte – doch ich war überzeugt, ich würde es die folgenden Tage heraus finden. 

 

Während alle anderen Bettler früh morgens das Hotel verließen - wie mies gelaunte Arbeiter auf dem Weg zum verhassten Job - träumte ich in meinem Bettchen vor mich hin, und wartete bis die Sonne hoch genug stand. Es gab keine Veranlassung vor den Mittagsstunden meinen Meditationsplatz einzunehmen. Ich wollte es warm und sonnig. Ich wollte, dass mein Lächeln echt war.

  

Mein Freund und Mentor hatte mir einmal zu LSD gesagt, dass die Droge sich selbst lehrte. Er hatte damit gemeint, dass es keine Anleitungen eines Leary oder Teagert brauchte. Man musste nur auf die Droge hören. Sie sagte einem, was zu tun war. Genau so war es mit vielen Dingen des Lebens. Eigentlich lehrte sich alles selbst. Man musste nur mutig genug sein, es zu beginnen. Schon beim zweiten Sitzen vorm Archäologischen Museum fühlte ich mich komplett ausgewechselt. Ich wusste worum es mir ging, was ich tat, und warf Athen mein großartigstes Lächeln zu. Während ich für meine öffentliche Meditation bezahlt wurde, konnte ich beobachten. Nicht nur die Dynamik Athens. Auch wie die Leute gaben. Da waren Leute, die durch meine Anwesenheit regelrecht aus dem Rhythmus geschubst wurden, fast stolperten, während sie sich leicht vorbeugten, um mir unbedingt etwas in die Geldtasche zu legen. Andere machten es verlegen, als wäre es ihnen peinlich dass sie etwas zu geben hatten. Manche taten es, ohne recht zu wissen, warum sie es taten. Und einige wenige, suchten und fanden Augenkontakt mit mir. Oft waren sie überrascht, dass ein Bettler so leuchten konnte – und waren von sich überrascht, dass sie das überraschte.

 

 Am dritten Tag bemerkte ich, dass alles völlig anders war, als man mir erklärt hatte. Obwohl ich der Bettler war, obwohl ich angeblich im Dreck saß, fühlte ich mich stark, in meiner Mitte, und wie der ruhende Pol der Straße, wenn nicht der ganzen Stadt. In dem Maß, in dem ich Würde lebte, machte sich das durch die Menge des Geldes in meinem Betteltäschchen bemerkbar. Es galt nie gierig zu werden. Nie auf das Geld zu achten. Nie den Genuss an Sonne und Wärme aus dem Bewusstsein zu lassen. Geschah es doch, blieb Geld aus. Wurde ich berechnend, blieb das Geld aus. War ich ungeduldig, blieb das Geld aus.

  

Nach meiner fünften Bettelmeditation, hatte ich genug Geld gesammelt, um an Weiterreise zu denken. Zum Einen ging es noch weiter südlich, zum Anderen wurden die Sonnenzeiten kürzer und die Abende kühler. Nach meiner fünften Meditation erinnerte ich mich an Lina, und dass ich wegen ihr aufgebrochen war. Ich fühlte das Loch in meiner Brust nicht mehr. Stattdessen war da Dankbarkeit, was ich mit dieser wunderbaren Verrückten alles hatte erleben können. Ich fühlte mich nicht mehr von ihr getrennt, und ebenso wenig fühlte ich, dass ich eine Frau finden musste, um mich über den Trennungsschmerz weg zu tragen. Welcher Trennungsschmerz? Ich fühlte mich großartig.

  

Ab und zu traf ich Alan, und einmal erzählte er mir, es wäre Zeit für ihn aufzubrechen. Er wollte nach Israel. Da wäre es auch im Winter warm. Israel? Es rief mich nichts dort hin. Ich wusste, dass mit Alan die einzige Person im Hotel ginge, zu der ich eine Verbindung hatte. Wir verabschiedeten uns mit einer freundschaftlichen Umarmung, bevor ich zu meiner täglichen Radtour durch die Stadt aufbrach.

  

Athen war ein recht amüsanter Platz für mich. Es gab weniger Verkehrsregeln, weshalb mir das Radfahren dreifach Spaß machte. Ich heizte herum, wie ich es aus Berlin gewohnt war. Nur war es in Athen nicht verboten. Es wurde erwartet. Damit der Verkehr im Fluss blieb. Hier waren Verkehrsschilder und Ampeln Hinweise. Vorschläge – keine Gebote. Anders als im frostigen Berlin, schien hier sogar im November die Sonne. Warm wurde ich mit der Stadt nicht. Ob das an der Schrift lang? An der Sprache? An mir? Es gab nichts, was mich wirklich interessierte. So gut es sich in Athen betteln ließ – es war letztlich nur eine Stadt. Was ich wirklich wollte und brauchte, war das Meer. Also setzte ich ein Datum in einer Woche fest. Den Tag, an dem ich von Piräus nach Kreta übersetzen wollte.

  

Da war noch etwas, das mich weitertrieb. Nicht nur das Meer, das rief, und das Wetter, das mich nach Süden schickte. Ich hatte es mein ganzes Leben gespürt. Ich hatte es mein Leben lang direkt vor meiner Nase gehabt. Erst durch mein „Sitzen“ - wie ich das Betteln in meinem Tagebuch nannte – wurde die Witterung stärker. Ich fühlte einen Zyklus. Oder noch genauer, eine Wellenbewegung. Es gab nirgendwo im Leben eine konstante, gerade Linie. Es war ein ewiges rauf und runter, wie auf einer Meereswelle. Manchmal wie auf einer Achterbahn. Um die Sache schön kompliziert und unberechenbar zu machen, änderten sich die Wellenbewegungen. Mal waren sie schneller, mal langsamer, mal höher, manchmal kaum wahrnehmbar. Sie waren überall. Nicht nur im Klang, im Licht, oder in Energieschwingungen. Das Leben selbst war eine Schwingung. Eine Frequenz. Ich musste es nicht in Worte fassen, weil ich diese Schwingung spürte, während ich in Athen auf der Straße saß und atmete. Ich musste dieses Phänomen nicht benennen – ich fühlte, dass die Welle bald ihren Höhepunkt erreichen würde, und die Aufgabenstellung war klar. Mich weiter zu bewegen, ehe ich von der Welle nach unten getragen wurde. Vom Höhepunkt meiner Welle, zum Anfangspunkt der nächsten Welle springen. Ohne die Talfahrt mit zu erleben.

  

Seit fast zwei Wochen hatte ich in Athen gesessen und Geld war zu mir gekommen. Viel Geld. Genug Geld, um mich entspannt in die nächsten Tage schauen zu lassen. Mir war klar, dass ich noch viel mehr Geld hätte einnehmen können, wenn ich etwas mehr Disziplin in meine Bettelei gelegt hätte. Es erschien mir unsinnig, weil ich selten weiter als drei Tage voraus schaute. Der Tag meiner Überfahrt stand bevor, und das Wetter wurde grauer und kühler. Ich beschloss ein letztes Mal an meinem Platz vor dem Museum zu betteln. Das Leben hatte seinerseits bereits beschlossen mich in meinem Entschluss eindrucksvoll zu bestärken.

  

Zwei Wochen hatte ich in der Sonne meditiert, gelächelt, geatmet, mich für jede Münze und jeden Schein verbeugt, und nur ein einziges Mal eine abweisende Reaktion einer älteren, reichen Lady auf mich gezogen. Sie hatte von mir wissen wollen, warum ich nicht arbeitete. Ich sei schließlich jung und gesund. Ich hatte ihr lächelnd erklärt, dass ich nicht wollte. Dass es keine Arbeit gab, die mir gefiel, und dass ich keinen Befehlsgeber über mir akzeptieren konnte. Sie sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, was eindeutig stimmte, und ging offensichtlich empört weiter.

 

Ganz anders war das Abschiedsgeschenk der Stadt. Es kam unerwartet, und barg in aller Einfachheit ein irres Potential an Gefahr in sich. 

 

Ich saß in der Sonne, meine Augen halb geschlossen, als ich aus dem Augenwinkel eine ungewöhnliche Bewegung wahr nahm, und im Reflex, ohne nachzudenken, einen Arm griff. Der Arm gehörte zu einem anderen Bettler, dem ich öfter in Athen begegnet war. Er wohnte nicht im Schloss der Bettler, dem „Alex In“. Die Hand hatte in meine blaues Betteltäschchen gegriffen und sich eine Ladung Münzen und Scheine gekrallt. Ich hörte einen Aufschrei eines Griechen, der den Übergriff des anderen Bettlers beobachtet hatte, und Augenblicklich waren wir umringt von dutzenden Leuten, die diese Angelegenheit zu ihrer Sache machen wollten. Ich sah den Bettler vor mir an, der sich erst jetzt bewusst zu werden schien, was er eben getan hatte. Halb gebückt, halb in Sprungbereitschaft, wusste er nicht, was er als Nächstes tun sollte. An Flucht war nicht zu denken. Er war eingekreist, von grimmig dreinschauenden Männern, und von irgendwem hörte ich das Wort „Police“.

 

Die Griechen sind ein ehrliches Völkchen. Ich hatte seit meiner Ankunft in Griechenland das Gefühl totaler Sicherheit genossen. Wenn es einen Ort gab, wo Leben und Leben lassen Gültigkeit hatte, dann in Hellas. Niemand mischte sich groß in mein Leben ein, solang ich nichts anstellte was irgendwelchen Stress verursachte. Stress schien einzig von Außen ins Land getragen zu werden. Von Touristen und noch häufiger durch Alkohol. Die Griechen machten ihr Ding, und hatten ein sehr einfaches Prinzip: die Sachen der anderen Leute, gehörten den anderen Leuten. Es wurde nicht geklaut in Griechenland. Während ich in Berlin ein Mountainbike keine drei Sekunden unbeaufsichtigt oder unabgeschlossen herumstehen lassen konnte, kam ich mir selbst in einer Großstadt wie Athen albern vor, mein Rad abzuschließen. Diebstahl gab es einfach nicht – und einen Bettler zu bestehlen… Das ging überhaupt nicht. Da hörte die Toleranz der Griechen auf. Ich fühlte die Wut der Griechen um uns herum, die sich eindeutig sehr bald gegen den Bettler richten würde. 

 

Der Griff nach meinem erbettelten Geld hatte den Bruchteil einer Sekunde gedauert, und es war klar, dass der blonde, heruntergekommene Typ nicht so einfach aus der Sache raus käme. Was viel schwerer wog – da lauerte auch eine Gefahr für mich. Wenn wirklich die Polizei ins Spiel käme, war ich zwar der Bestohlene, aber ebenfalls ein Bettler. Ich hatte bisher keinen Kontakt mit der Polizei gehabt, und so sollte es bleiben. 

 

„Now what?“, fragte ich den Bettler vor mir, seinen Unterarm weiter fest umschlossen. 

Ich konnte in seinen Augen nicht die geringste Klarheit finden. Da war Angst, da war Wut. Ich glaubte Reste eines Alkoholkaters in seinen kraftlosen Augen zu erkennen. Da war Verwirrung. Da war Verzweiflung. 

 

Eben diese Verzweiflung machte mir klar, was ich nun tun konnte, um die Situation aufzulösen. Das hitzige, aufgeregte Reden der Griechen um uns herum wurde lauter, und es war nur eine Frage der Zeit, wann ein Grieche den Bettler greifen und mit Gewalt attackieren würde.

 

„I tell you, what you do now“, sagte ich mit ruhiger, eindringlicher Stimme, laut genau, dass es andere hören konnten. Ich sagte ihm dass er alles Geld das er sich gegriffen hatte, behalten dürfte. Nur müsste er es mir in die Hand legen, damit ich es ihm geben konnte. Für einen Augenblick schaute mich der Bettler mit ungläubigen Augen an, war sich nicht sicher, ob er mir trauen konnte, merkte jedoch, dass er keine andere Wahl hatte, unbeschadet aus dieser Situation heraus zu gehen. 

Ich ließ seinen Arm los, und hielt ihm meine offene Hand hin. Er legte – weiterhin zögernd und unsicher – ein paar Münzen und Scheine in meine Hand. Ich drehte mit der Linken seine Hand um, und legte mit großer, theatralischer Geste – damit es alle sehen konnten – das Geld wieder in seine Hand. Um die Sache richtig Rund zu machen, verbeugte ich mich vor dem Dieb, und signalisierte damit ihm und den Griechen, dass er nun gehen konnte. Der Bettler stand auf, die Griechen machten ihm Platz, und die Gruppe, die uns umringt hatte, löste sich wieder auf. 

 

Der Bettler drehte sich nochmal um, wie um sich zu vergewissern, ob das gerade wirklich passiert war. Dann verschwand er im Strom der Menschen aus meinem Leben. Eine junge Griechin legte mir einen 1000 Drachmenschein in mein Betteltäschchen. Ich verbeugte mich lächelnd vor ihr. Sie lächelte zurück. Ich wusste, sie war die letzte Frau gewesen, die mir in Athen etwas in die Betteltasche gelegt hatte. Ich packte die Tasche, ohne den Inhalt zu zählen, verbeugte mich ein letztes Mal vor der Stadt, den Leuten, der Erde, auf der ich saß, und bedankte mich besonders tief bei der Sonne, die mich so wunderbar gewärmt und beleuchtet hatte. 

 

Inzwischen hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, mit meinem Mountainbike zum Betteln zu fahren. Ich ging zu der Laterne, an der es lehnte, und war bereit nach Piräus zu fahren. Keine weitere Nacht mehr im „Alex In“. Dem dunklen Schloss der Bettler. 

 

Piräus war gewissermaßen ein Vorort von Athen. Anders als Athen, war Piräus freundlicher, entspannter, und schöner. Die Anwesenheit des Meeres veränderte die Art, wie Menschen ihre Häuser bauten, oder lebten. Ich war mehrmals nach Piräus gefahren. Um am Meer zu sitzen. Um Kekse zu essen oder Zigaretten zu rauchen, während ich auf das weite Meer schaute. Diesmal hatte ich ein Ziel. Ich fuhr mit meinem vollgepackten Mountainbike zum Fährhafen und kaufte ein Ticket nach Kreta . Das teurer war, als ich gedacht hatte. Ich konnte es mir leisten. Ich hatte inzwischen auch einen Walkman, und ausreichend Batterien, um zukünftig nicht mehr ohne Musik über weite Straßen rollen zu müssen. Der Walkman war genau wie mein Mountainbike oder Schlafsack maximaler Luxus. Luxus, der mir mein süßes Leben zusätzlich erhellte. Die Fähre nach Kreta ging Abends um Sieben. Die Sonne ging inzwischen früher unter. Als ich die Fähre betrat, wusste ich, dass es bereits zu kalt war, um noch draußen auf Deck zu schlafen. Es war nicht zu kalt um draußen zu tanzen. Niemand sonst war da im kalten Wind. Während sich die Fähre vom Hafen entfernte, während die Lichter von Piräus kleiner wurden, und Möwen wie Zeitungen im Wind herum geweht wurden, hörte ich von Simply Red „thrill me“ und wirbelte auf dem metallenen, lackierten Deck herum. Ich tanzte meine Freiheit. Ich tanzte mein Leben. „Thrill me!“ Ja. 

Leb wohl, Festland, leb wohl, Lina. Kreta, ich komme. „Thrill me!“