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Die Like Maschine

Das Internot hat viele Schattenseiten, und ein paar Qualitäten. Nicht alle dieser Qualitäten lassen sich anklicken. Sie entstehen im Auge des aufmerksamen Betrachters, wenn er ein paar Schritte vom Monitor Abstand nimmt, und versucht das größere Ganze zu betrachten. Dann wird deutlich, dass das Internot ein Spiegel sein kann. Für die ganze Rasse der Zweibeiner. Und in welchen Strukturen sie gefangen sind, und wie diese Strukturen aussehen. Das hat nicht viel mit den Inhalten von dem zu tun, was im Internot gezeigt wird, sondern ist ein Subkontext. Zwischen den Pixeln versteckt. 

 

Dort wird eine Entwicklung sichtbar, die über zwei Jahrzehnte, zuerst subtil statt fand, und heute direkt, nackt und brutal ins Gesicht geknallt wird. Kaum irgendwo wird das so deutlich im Bereich Anpassung und damit verbundener Zensur.

  

Wer heute ins Internot geht, kann sich kaum mehr erinnern oder vorstellen, dass das Internot einmal ein Freiraum war. Innerhalb der Begrenzungen der damals sehr limitierten technischen Möglichkeiten, taten sich unglaubliche Möglichkeiten auf. Damals glaubte man wirklich noch, die Welt wäre näher zusammen gerückt, und es war cool mit Leuten in fernsten Ecken der Welt zu kommunizieren. Man machte mit einigem Aufwand seine eigene Homepage, und sofern man sich nicht total ungeschickt anstellte, konnte man sogar diesen und jenen Gewinn aus dem digitalen Spielzeug ziehen. Es war nicht absehbar, wohin das führen würde.

 

Als mit Myspace der Prototyp eines sozialen Netzwerkes auftauchte, fragte niemand wozu das eigentlich gut sein sollte. Es war gewissermaßen Internet im Internet. Man legte dort also ein Profil an, das limitierter als die eigene Homepage war, aber konnte dafür sehen, wer auf das Profil schaute. Da war die digitale Individualität noch einigermaßen gewährleistet, und Youtube war ein kleiner Kanal, wo Kids mit Digi-Cams bezaubernd absurden Unsinn posteten. Der große Umbruch begann, als gegen 2005 Fakebook ungerechtfertigt erfolgreich wurde. Mit langweiligem Design sorgten sie dafür, dass alle von Myspcace abwanderten. Auf eine Seite, die bald zum Vorreiter für Zensur, Manipulation und Banalität wurde. Ich konnte und wollte lange Zeit nicht begreifen, warum jemand auf eine Seite wechseln würde, die spießig und bürokratisch wirkte. Warum sollte jemand freies Spiel und bunte Kreativität aufgeben, um sich in rechteckige, blaue Langeweile zwängen zu lassen? 

 

Die Antwort war einfach: Fakebook befreite die Internot-User von der lästigen Pflicht, kreativ sein zu müssen. Auf Fakebook wurden andere Ideen in den Vordergrund gestellt: Eitelkeiten und Wichtigkeiten, untermauert durch ein Bewertungssymbol aus alten Zeiten in Rom, wo über das Leben von Gladiatoren mit einem Daumen hoch oder runter entschieden wurde. War es dieser Daumen, der den Untergang des Internots, und damit der Zweibeiner einläutete? Jedenfalls wurde es in kürzester Zeit Mode, dass alles bewertete und in „gut-besser-am-Besten“ - Hierarchien gepresst wurde. Und damit begann ein schleichender Prozess der Anpassung. 

 

Im Versuch Erfolg in der unübersichtlichen Masse an Daten und Usern zu haben, entstanden neue Normen. Wie man posten musste, um aufzufallen, und was man unterlassen musste, um nicht zensiert zu werden oder auf einer Black List zu landen. Man erfand das Wort „Troll“ für Leute die nervten, und nerven konnte alles, was dem temporären Narrativ widersprach. Kaum merklich verwandelten sich die Zweibeiner in eine Masse Schafe, die alle gleich aussahen und sich gleich verhielten. Es gab Themen, die den Internot-Pushern gefielen, und gefördert wurden, und Themen, die gebannt wurden. Und nicht immer geschah das mit einer „du verstößt gegen die Nutzungsbedingungen“ Bestrafung. Überleg dir das: du kaufst ein Produkt, und wenn du das Produkt nicht benutzt, wie es die Produzenten gedacht haben, kommt ein Abstrafer bei dir vorbei und klatscht dir paarmal auf den Hintern. Dieses Verhalten wurde mit der gleichen Selbstverständlichkeit normalisiert und akzeptiert, wie Zensur. Obwohl Kunst frei ist, wurde das im Internot ausgehebelt. Mit dem Ergebnis, dass sogar Kunst und Künstler zensiert wurden, und im nächsten Schritt, um Zensur zu vermeiden, die Künstler sich selbst zensierten. Womit das Internot eine neue Epoche der Banalität startete. Eine Art neo-viktorianischer Prüderie, in der nur noch erlaubt war, was die Internot-Kirche erlaubte - und ihre Prediger der heilen, „besseren“ Welt: Elite-Nerds ohne Lebenserfahrung. 

 

Heute ist es unerträglich geworden, noch irgendwo ins Internot zu schauen, weil die Masse an Daten einfach überwältigend geworden ist, aber mehr noch, weil diese Masse an Daten überwiegend ein und das selbe ist: von Aufmerksamkeitsgier getriebene Egos, die genau abliefern, was Algorithmen verlangen. Sauberes Design, Professionalismus, und die jeweils angesagte, cleane, politisch korrekte Botschaft. Im Bereich Kunst heißt das: überall springen Künstler aus dem Nichts, die im Kampf um eine Sekunde Ruhm, Dinge abliefern, die in jedem Zeitalter als Wunderwerke zelebriert worden wären, aber heute nur mehr ein Minimum ans Aufmerksamkeit erzeugen. Staunen-Kunst. Kunst die keine Inhalte mehr transportiert, sondern ein exakter Spiegel der Oberflächlichkeit des Internots geworden ist. Absolut perfekte Handwerkskunst, die beeindruckt, und den Like-Impuls kitzelt, und gleich darauf vergessen ist. Oder Texte, die fast alle darauf ausgerichtet sind, Anleitungen für ein besseres Leben zu geben: „How to…“ und „10 ways to…“ Rezepte, die nicht mehr zum Ziel haben, irgendwem wirklich Inspiration oder gar Hilfe zu geben, sondern mit denen die Hobby-Autoren ihrer eigenen Schlauheit oder vermeintlichen Weisheit schmeicheln. Natürlich in positive Worte und Formen gepackt, damit es nicht von der Internot Zensur und Shadow Banning betroffen wird. Im Bereich Musik wird es besonders deutlich. Hat irgendwer oder irgendwas Erfolg, wird gleich darauf eine Welle von Plagiatoren aus dem Nichts springen, und dann wird eine neue Musikrichtung propagiert, die jedoch keine Gemeinschaft hinter sich hat, die mit irgendeiner Idee verbunden ist. Die Zeiten sind so vorbei..! Alles ist ein momentaner Trend. Ein Franchise. Wie mit Marvel, die mit „Iron Man“ einen Nerv getroffen hatten, und fortan die gleiche Geschichte wieder und wieder wiederholten, bis auch dem letzten Kindskopf klar wurde: „Das hab ich doch schon mal gesehen“. 

 

„Das hab ich schon mal gesehen, schon mal gehört, schon mal gelesen“, ist Ausdruck der manipulativen Verarmung durchs Internot. Alles ist zum Äquivalent von Porno gemacht worden. Wo für jedes sexuelle Spiel eine dümmliche Produktbezeichnung erfunden wurde, und für jede Produktbezeichnung Millionen uninspirierter, fantasieloser Filmangebote geliefert werden. Was mit Sex nichts zu tun hat, und mit Erotik Milliardenmal nicht. Das ist keine sexuelle Freiheit, kein Hedonismus, nichts woran ich einst geglaubt hatte. Es ist eine Flut aus Gülle. Das meine ich nicht im moralischen Sinn, weil es wirklich keine Rolle mehr spielt, welche Form irgendwelche nackte Akrobatik annimmt. Es ist die Masse an nackter Haut, die nackte Haut uninteressant macht. Es ist die Masse an Klängen, Bilden und Texten, die alles uninteressant macht. Es ist, als würden wir alle gemästet, gestopft wie Weihnachtsgänse, und wenn wir tatsächlich schon bis zum Rand voll sind, werden wir an ein weitere Buffet geführt, das alles das anbietet, was zu unseren absoluten Lieblingsspeisen gehört. Die Algorithmen geben vor, zu wissen was wir wollen, und vor allem, was wir brauchen und haben müssen, um glücklich zu sein. Und niemand fällt auf, dass nichts davon glücklich macht, erfüllt, oder auch nur einen Funken Sinn ergibt. 

 

Erst im Kontrast mit wirklicher Berührung, sei es mental, emotional oder real körperlich, wird deutlich was für eine hohle Sinnlosigkeit täglich und unendlich auf den Zweibeiner geschossen wird. Jedesmal, wenn ich mich real berührt fühle, hat das inzwischen ausnahmslos mit kleinen, unscheinbaren Phänomenen des realen Lebens zu tun. Nicht mit dem immer gleichen, kuratierten und zensierten Datenmüll im Internot. Und das Tragische daran: hinter vielen Pixeln stecken reale Herzen, die im realen Leben wirklich liebenswert, freundeswert wären, wenn es denn noch Orte gäbe, wo man diese Herzen ohne Konsumzwang treffen könnte. Begleiterscheinung des Internots ist, dass aus allem eine Geschäftsidee gemacht werden muss, und alles gleich ein neuer Trend wird. Da bleibt tatsächlich nur mehr die Möglichkeit in den Untergrund zu gehen, und einen geheimen Club zu gründen. Und egal wie dieser Club aussieht und was auf der Flagge steht: Handys sind verboten. Und Regel Nummer eins: „You don’t talk about it.“ Regel Nummer zwei: „You don’t talk about it“