Absichten

Anders als viele Zweibeiner, glaube ich nicht an Schuld. Ich glaube auch nicht an einen Gott. Oder an einen Teufel. Oder an das Böse. Ich glaube nicht an Materialisation einer bestimmten Energie; also dass jemand nur gut oder nur schlecht geboren wurde. Ich glaube generell nicht mehr all zu viel. Stattdessen habe ich Vertrauen. Was wenigstens einen Vorzug gegenüber Glauben hat: ich gebe meine Energien nicht in unzuverlässige Hände oder Phänomen außerhalb von mir. Ohne Glauben lebt es sich erstaunlich gut, sofern man erst mal akzeptiert hat, dass man nicht mehr erhält als ist. Der Vorteil davon ist heilsame Genügsamkeit. Der Nachteil ist Abwesenheit jeglicher Motivation. Sofern man Liebe nicht als Motivation bezeichnen will.

 

 Ich schreibe diese Zeilen aus einer Position des Friedens und der Entspannung. Nichts ruft zur Zeit, nichts will oder muss getan werden. Mein Leben ist so einfach, wie es sich Zweibeiner im Hamsterrad in kühnsten Träumen oder Alpträumen nicht vorstellen können. Ich bin relativ gesund, relativ frei, relativ glücklich. Bei relativer Abwesenheit jeglicher Fremdeinflüsse durch Zweibeiner. Das schreibe ich nicht um anzugeben oder neidisch zu machen, sondern um klarzustellen, dass ich weder frustriert noch im Mangel bin. Kurz gesagt: es geht mir gut. Was sich auf ein kleines Detail zurückverfolgen lässt: Absichtslosigkeit. 

 

Es ist schon ein paar Jährchen her, 20 oder mehr, als ich das erste mal erkannte, dass die Zweibeiner und ich ein großes Problem mit einem kleinen Namen hatten: Absichten. Außerdem litten wir unter Vergesslichkeit. Statt uns zu erinnern, mit welchen Absichten wir uns heiter in Höllen gestürzt hatten, wurden wir früher oder später von den Folgen unserer Absichten heimgesucht. Der kosmische Karma-Beamte kam fast immer und holte seine Absicht-Gebühren ein. Darum lernte ich vorsichtiger zu werden. Jugendliche Impulsivität wurde durch vorausschauende Abgeklärtheit ersetzt. Jahr um Jahr lernte ich genauer, welche Herausforderungen oder Dämonen ich mit einer Absicht rief. Zuerst wurde sehr deutlich, dass viele Absichten nicht all zu viel mit meinem Leben zu tun hatten, sondern fremd bestimmte Verhaltens-Normen waren. Zweibeiner leben kollektiv in einer „so soll es sein und so hat es zu sein“ Matrix. Weil alle sich dieser Matrix verpflichtet fühlen, stellt sie selten jemand in Frage. Wer verrückt genug ist, das zu tun, wird eine Lawine an Einsichten auslösen. 

 

Fast alle Gesellschaften der Zweibeiner sind auf einem einfachen Prinzip aufgebaut: Einfachheit und Natürlichkeit sind schlecht, Künstlichkeit ist gut. Weshalb Zweibeiner allerhand Bedürfnisse erfunden haben, die in ihrem Kern Möglichkeiten sind, nicht Zwänge oder Pflichten. Du kannst eine Tomate mit Salz und Pfeffer essen, auf einem Teller, mit Messer und Gabel, an einem Tisch, auf einem Stuhl, in einer Küche, in einem Haus, auf einem großen Grundstück. In ihrer Essenz bleibt die Tomate ein Gemüse, das überall gegessen werden kann, auch ohne Zubehör. Die Verwirrung, unter der fast alle Zweibeiner leiden, hängt mit künstlich geschaffenen Bedürfnissen zusammen, von denen sich nicht mehr sagen lässt, ob es in vergangenen Zeiten Notwendigkeiten für die Bedürfnisse gab, oder ob Zweibeiner seit jeher für Künstlichkeit anfällig waren. Um bei der Tomate zu bleiben: du kannst sie wie ich, damals auf meinen Rad-Touren durch Griechenland, am Wegesrand pflücken und mit etwas Meersalz bestreuen, das ich am Meer von einem Stein gekratzt habe, oder du glaubst, du bräuchtest erst ein Grundstück, ein Haus, eine Küche, einen Tisch, Stuhl, Teller, etc. Sicher ist, dass Konzerne überall auf der Welt Marketingstrategen bezahlen, um Bedürfnisse zu wecken, die nicht real existieren. Ebenfalls überall auf der Welt, sind willige Konsumenten, die dringend ihrem Sklavendasein Sinn geben und konsumieren müssen; denn wozu sonst würden sie ihre kostbare Lebenszeit in Jobs vergeuden, wenn sie nicht Dinge kaufen könnten, die ihnen Glück versprechen? 

 

Ich mag viele schräge Ideen haben, aber zu überprüfen, was meine wirklichen Bedürfnisse waren, gehörte nicht dazu. Da stellte sich bald raus, dass vieles, was ich glaubte zu brauchen, künstlich geschaffene Bedürfnisse waren. Meine wahren Bedürfnisse waren sehr einfach gestrickt, und unterschieden sich kaum von den Bedürfnissen einfacher Zweibeiner aus vergangenen Epochen: Essen, Trinken, Kleidung, Wärme, Schutz vor Kälte, Nässe, Wind, Hitze, eine autonome Möglichkeit der Fortbewegung, und dann und wann Berührung, welcher Art auch immer. Konnte es sein, dass der Zweibeiner über die Jahrtausende nicht so großartig weiter gewachsen war? Dass er im Kern weiter ein kleines Säugetier geblieben war? Und dass sein Glück nicht von Ruhm und Reichtum abhing, sondern von der Befriedigung dieser wenigen Grundbedürfnisse?

 

 

Meine Antwort lautete eindeutig „Ja“, und ich warf alles aus meinem Leben, was nicht direkt mit diesen Grundbedürfnissen zu tun hatte. Natürlich musste ich Anfangs den Fehler aller Anfänger machen: ich war weit radikaler, als es nötig gewesen wäre, und minimalisierte mein Leben viel extremer, als das meiner Natur entsprach. Womit ich schon wieder mal bei Buddha und seinem Weg der Mitte gelandet bin: es galt die richtige Balance zu finden. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Das richtige Maß finden. Was eine Aufgabe für sich selbst ist. Eine Gesellschaft, die auf größer, schneller, weiter, mehr, mehr, mehr aufgebaut ist, wird dir nicht wirklich dabei helfen, loszulassen und dein wahres Maß zu finden. Früher oder später wird im Prozess des Loslassens die Absicht auftauchen. Die Einsicht, dass jeder Befriedigung eines Bedürfnisses, eine Absicht voraus geht und mutig und wild eine Flagge schwenkt. Auf dieser Flagge stehen Superlative jeder Art. Versprechen, die Marketingstrategen oder man selbst drauf gepinselt hat, und die man mit Stolz und unangemessenen Elan schwingt. Warum? Weil Aktivität gut ist. Weil Pläne schmieden gut ist. Weil fleißig sein gut ist. Es gibt wohl kaum mehr Sprüche in der Welt, als schlaue Motivations-Glaubenssätze. Sie alle gehen in die Richtung: „Wer rastet, der rostet“. Du kennst selbst ein paar dutzend, die dich täglich morgens aus dem Bett ziehen und in allerhand lustige Verstrickungen locken. Was die Sprüche und Motivation nicht verraten: du weißt erst, was es ist, wenn du zu tief drin steckst um wieder leicht, unverletzt und unbeschmutzt wieder raus zu kommen. Absichten sind wie tiefe Schlammpfützen unbekannter Tiefe auf deinem Weg. Fährst oder springst du einfach rein, in der Hoffnung, sie würde schon nicht all zu tief sein? Testest du vorher mit einem Ast, wie tief das Schlammloch ist? Suchst du einen Weg außen rum? Oder fragst du dich jemals: „Moment mal! Wie bin ich hierher gekommen? Was mache ich auf diesem Weg?“ 

 

Als Reisender habe ich oft beobachten dürfen, dass der ursprüngliche Grund für eine Reise, während der Reise verschwindet oder durch andere Gründe ersetzt wird. Weshalb ich mich dann und wann daran erinnere, ein Update zu installieren: „Wo bin ich heute? Was hat mich hierher gebracht? Was waren meine ursprünglichen Wünsche und Bedürfnisse? Wo haben sich Absichten eingeschlichen? Bin ich da, wo ich sein wollte und heute sein will?“ Und Überraschung: natürlich nicht. Weil zwischen Wunsch, Bedürfnissen, Absichten, Gedanken, Handlungen und Ergebnissen jede Menge Stolpersteine und Fluten liegen. Ich wurde in meinem Leben dazu motiviert, mich mit dem Mut eines Abenteurers in alles zu stürzen, und eine Weile hat das wirklich Spaß gemacht. Bis ich irgendwann erkannte, dass ich weit mehr Energie aufwendete, als nötig war, und vor allem: mehr mit den Folgen von Verstrickungen beschäftigt war, als mit der Ernte meiner Früchte. 

 

Relativ schnell bemerkte ich dann, dass ich weit weniger Verstrickt war, als die Zweibeiner, die mich umgaben, was auch daran lag, dass ich weit weniger Absichten hatte, als andere. Ich bemerkte auch, dass das Leben auf meiner Seite war. Es war unvorstellbar hilfreich, wenn es darum ging, mir unter die Nase zu reiben, was nichts mit meinem Leben zu tun hatte. Fast immer daran zu erkennen, dass es mit Frust, Ärger, Wut oder Hilflosigkeit zu tun hatte. Und dem legendären Widerwillen, sich überhaupt damit beschäftigen zu müssen. Betonung auf „müssen“, nicht „dürfen“ oder „wollen“.

  

Wenn die Masse zwischen unseren Ohren irgendwelchen Sinn haben sollte, dann wohl dieser: vor einer Handlung einen Augenblick nachzudenken, und genau zu überlegen, was der wahre Preis ist, den ich zu zahlen habe. Dieser wahre Preis hat nichts, null, nada, mit der Zahl auf einem Preisschild zu tun. Es ist nicht mal das Kleingedruckte in einem Vertrag. Der wahre Preis befindet sich im Nebel einer fernen Zukunft. Der wahre Preis ist ein bisschen wie in Peter Jacksons’s King Kong, wo eine Abenteuerer-Gruppe in einen dunklen Abgrund stürzt, und als die letzte Fackel erlischt, kommen die gefräßigen Monster des Abgrundes zum Vorschein. Natürlich waren die Abenteurer am Beginn ihrer Reise nicht davon ausgegangen, dass sie irgendwann gegen Rieseninsekten kämpfen müssten. Wer denkt denn an sowas..?

  

Ohne jegliche falsche Bescheidenheit: ich. Heute denke ich genau daran. Wann immer eine Absicht mich anspringt, ist der zweite Gedanke: was ist der wahre Preis, den ich zu zahlen habe? Und will ich diesen Preis zahlen? Da auch ich nicht den Nebel der Zukunft durchdringen kann, gilt es meine Erfahrungen zu Rate zu ziehen. Einer meiner Lieblingssätze ist „Ich kann überhaupt nicht so dumm denken, wie das Leben mir mitspielt.“ Ich weiß nicht was alles passieren kann, aber ich sehe die Möglichkeiten. Möglichkeiten für Erfolge, Möglichkeiten für Scheitern, und natürlich unendliche Möglichkeiten mich auf jede denkbare Weise zu verstricken. Die böseste Fall, die auf mich und alle Zweibeiner wartet, ist die „gute Absicht“. Denn was ist falsch an guten Absichten? Was wäre falsch daran, jemand etwas Gutes zu tun oder die Welt zu retten? Es hat etwas gedauert, bis ich die Lektionen des Leben begriffen hatte: dem Leben ist egal ob jemand gute oder böse Absichten hat. Ob jemand das Wohl der Welt im Sinn hat, oder nur auf den eigenen Geldbeutel schaut. Absichten sind in jedem Fall ein Sprung in unbekannte Abgründe. Gut beraten ist, wer in Betracht zieht, dass dort Monster warten können. Und nicht jedes Monster ist auf den ersten Blick als Monster erkennbar. Manches Monster kommt in Verkleidung des tiefsten, sehnsüchtigsten Wunsches. Was vielleicht jeder und jede nachvollziehen kann, wer jemals hilflos geliebt hat. Am Anfang ist da immer die Verkörperung eines Traumes. Die Manifestation von Liebe in Form einer Frau oder eines Mannes, und maßlose Endorphin-Ausschüttungen im Körper lassen einen glauben, dies wäre der Missing Link. Die ein Gewürz, das jedes Gericht zum 5 Sterne Menü mache. Es braucht einige Niederlagen, bis ein Zweibeiner vorsichtiger wird, und sich erinnert, dass Liebe blind macht. Früher oder später wird der erste Hinweis kommen. Kein Schild, dass einen Aussichtspunkt am Abgrund markiert. Meist ein vages Gefühl, das einen erstaunt inne halten lässt. Wenn der Partner sich nicht verhält, wie es die verliebte Wahrnehmung einem versprochen hat.

  

Soll man deshalb Liebe vorbei ziehen lassen? Ich habe das in meinem Leben nicht geschafft. Oder nicht zu oft. Es hilft ungeheuer, sich einfach daran zu erinnern, dass manche Ekstase mit Schmerz bezahlt wird. Und dass mit dem Hinweis auf den Abgrund, irgendwann auch der Abgrund in dich schauen wird. Die Absicht im Bereich der Liebe? Sich einlassen wollen. Sich hingeben wollen. Sich verschenken wollen. Etwas erleben wollen. Jemand erfahren wollen. Liebe erfahren wollen. Das Zauberwort der Absicht ist „wollen“. Keine Absicht ohne Wollen, kein Wollen ohne Absicht.

 

Heute befinde ich mich in der glücklichen Lage, dass ich relativ gut mitbekomme, wann in mir das Wollen anspringt und welche Absichten ich verfolge. Sofern es Materie betrifft, ist es inzwischen einfach geworden: Materie kommt, Materie geht. Weiter nichts. Alles was ich darüber hinaus in Materie interpretieren will, geschieht auf eigene Gefahr und zum eigenen Entertainment. Es gibt kein Objekt, das unersetzlich wäre oder wirklich lebensnotwendig. Alles was ich an Materie in mein Leben rufe, will mit Leichtigkeit in mein Leben, und kann ebenso leicht auch wieder gehen. Alles kann mir eine Weile von Nutzen sein oder Freude bereiten, und ganz plötzlich ist die Essenz verinnerlicht, und das Objekt nur mehr tote, schwere Materie, die ich nicht mit mir rum tragen will.

  

Mit Zweibeinern ist es etwas anspruchsvoller, weil egal in welcher Verpackung er oder sie in mein Leben fällt, werde ich bei aller Vorsicht und Absichtslosigkeit garantiert mit Phänomenen konfrontiert, die unbekannte Verdauungszeiten mit sich bringen. Das betrifft besonders die angenehmen, inspirierenden, erfüllenden Begegnungen. Nicht nur Konflikt und Gegeneinander erzeugt Wellen in meinem kosmischen Gefüge; gerade wenn die Gefühle tief gehen, kann dadurch ein Unterwasser-Beben mit anschließendem Tsunami ausgelöst werden.

  

Das ist noch deutlich erkennbar, verglichen mit dem Lebensweg als solchem. Jede Abzweigung, jede Entscheidung, ist tatsächlich mit einer Absicht verbunden. Es ist praktisch unmöglich eine Entscheidung zu treffen, ohne sich mit einer Absicht zu verstricken. Außer man wirft eine Münze, und sogar das trägt in sich die Absicht keine Absicht zu haben. Oh, verfluchtes ParaTox.

  

Ich möchte mich an dieser Stelle bei jedem einzelnen Zweibeiner bedanken, der direkt oder indirekt mein Leben berührt. Alle halten mir ständig den Spiegel vor und erinnern mich daran, welche Folgen selbst die kleinste Absicht, das winzigste Wollen haben kann. Die Verstrickungen der anderen warnen mich vor den Verstrickungen, die auf meinem Weg liegen würden. Würde ich diesen Weg gehen. Es gibt so viele Wege, und alle scheinen ein persönliches Einladungsschreiben für mich zu sein. Doch wenn nichts ruft, wenn alle Bedürfnisse befriedigt sind, wenn kein Mangel irgendwelcher Art besteht, wenn die Wünsche erfüllt sind, bleibt da das reine, nackte Sein. In Stille und Ruhe. Sexy, als wäre die Göttin höchstpersönlich in meinem Bett gelandet.